Die Dehnungshaltung des Pferdes - vorwärts abwärts um jeden Preis?

 

Der Kopf muss runter....In unterschiedlichen Sparten der Reiterei eine weit verbreitete, wie auch meiner Meinung nach irrtümlich verbreitete Ausbildungsmethode.

Bei den Einen ist es gar das Ziel über das nicht hinweg gearbeitet wird, bei den Anderen der Weg dahin.

Um meine Gedankengänge zu verdeutlichen, bedarf es vorweg ein wenig Hintergrundwissen aus der Anatomie und der Bewegungslehre.

 

Anatomisches zur Dehnungshaltung

Dehnungshaltung Pferd

 

 Das Nackenband (Ligamentum nuchae) ist ein sehr starker, aber elastischer Sehnenstrang, der sich von der Hinterhauptsschuppe bis zu den Dornfortsätzen des Widerristes erstreckt. Von den Widerristkappen aus reichen fächerförmige Abzweigungen bis zu den Halswirbeln, und bezeichnen die Nackenplatte.

 

Von den Widerristkappen schwanzwärts (caudal) erstreckt sich das Rückenband (Ligamentum supraspinale), welches im Bereich des Kreuzbeines endet.

 

Dehnt sich nun das Pferd in seiner Kopf-Hals-Achse Vorwärts-Abwärts, wird das Nackenrückenband gedehnt, und durch die Verbindungsstellen der Dornfortsätze am Widerrist wird der Rücken angehoben. Der darunter liegende lange Rückenmuskel (Longissimus dorsi) kann sich frei bewegen, was gerade bei im Muskelaufbau befindlicher oder rekonvaleszenter Pferde einen wichtiger Aspekt darstellt.

 

 

 

Auf die Wirbelsäule des Pferdes wirkt sich diese Haltung dahingehend positiv aus, dass die Dornfortsätze "aufgefächert" werden. Die Wirbelkörper schützen das zentrale Nervensystem, welches aus dem Rückenmark und dem Gehirn besteht. Eine anatomisch korrekte Lage der Wirbelkörper beeinflusst die allgemeine Bewegung des Pferdes, seine Koordinationsfähigkeit und Balance. Gerade dabei spielt der offene Ganaschenwinkel des Pferdes im Vorwärts-Abwärts eine große Rolle und ist eine wichtige Korrekturmaßnahme bei Pferden die sich mit der Nase nach hinten verrollen (Vorsicht bei Hilfszügeln!).

 

Pferderücken

 

 

Hingegen erschlafft das Nacken-Rückenband bei erhobener Kopf-Hals-Achse und in Folge dessen sinkt die Rückenlinie ab, das Pferd gerät in ein Hohlkreuz und die Dornfortsätze der Wirbelsäule nähern sich an. Im schlimmsten Fall berühren sich die Dornfortsätze und reiben aneinander, wodurch schmerzhafte entzündliche Prozesse und in weiterer Folge daraus resultierende degenerative Erkrankungen, wie Kissing Spines (Verwachsungen einzelner Wirbelabschnitte) entstehen können.

 

Durch das Wegdrücken des Rückens können das in den Wirbelkörpern verlaufende Rückenmark, und die Spinalnerven komprimiert und beeinträchtigt werden, was zu einfachem Balanceverlust bis zu motorischen Ausfällen (stolpern) und ataktischen Störungen führen kann.

 

 

Kopf und Hals des Pferdes nehmen etwa ein Drittel des Körpergewichtes ein und sind verhältnismäßig schwer. Da das Pferd von Natur aus etwa 18-20 Stunden am Tag mit Nahrungsaufnahme beschäftigt ist, und somit die Kopf-Hals-Achse tief trägt, hilft hier das Nackenband die Muskulatur zu entlasten. Diese Position ist auch ermüdungsfrei für die Rückenmuskulatur, da das Nacken-Rückenband als "Energiesparvorrichtung" für die Muskulatur fungiert.

 

Für die Arbeit mit dem Pferd bedeutet das, dass das Vorwärts-Abwärts sowohl dem Aufbau der Rückenmuskulatur dienlich ist, da sich der Longissimus dorsi darunter frei bewegen kann, aber auch als "Schmerzmittel" für Pferde mit Rückenproblemen angesehen werden kann.

 

 

Bei zu tiefer Einstellung der Kopf-Hals-Achse, wie links am Bild zu sehen, besteht die Gefahr, die verletzungsanfällige Vorhand des Pferdes  zu überlasten und frühzeitig zu verschleißen.

 

Der Spannungsbogen verläuft von der Hüfte zum Genick nach abwärts. Dadurch trägt das Pferd, trotzdem die Hinterhand gut unter den Schwerpunkt tritt, zu viel Gewicht auf der Vorhand. Durch die tiefe Kopf-Hals-Achse ist das Pferd schwer in der Schulter, und die Vorhand am Vorgreifen behindert. Zu dem hat die zu tiefe Einstellung einen Balanceverlust zur Folge.

 

 

 

 

Der Spannungsbogen rechts am Bild verläuft von der Hüfte zum Genick aufwärts. Das Pferd kommt bei Einstellung der Kopf-Hals Achse in Höhe Buggelenk frei aus der Schulter und die Balance verbessert sich.

Korrekterweise dürfte hier am Bild der Ganaschenwinkel etwas mehr geöffnet sein um die Bewegungsamplitude allgemein zu optimieren.

 

In jedem Fall gilt es, eine zu tiefe Einstellung der Kopf-Hals-Achse zu vermeiden und auch im Vorwärts-Abwärts einen Spannungsbogen nach aufwärts anzustreben.

Die Dehnungshaltung in der Praxis

 

Bild 1) der Spannungsbogen verläuft aufwärts - Rahmenerweiterung/ Dehnungshaltung aus der Versammlung hervorgegangen

Bild 2) der Spannungsbogen verläuft aufwärts - Dehnungshaltung im Entlastungssitz

Bild 3) der Spannungsbogen verläuft waagerecht, wodurch das Pferd vermehrt auf die Vorhand kommt.

 

Dehnungshaltung Pferd
Bild 1
Vorwärts - Abwärts reiten
Bild 2
Bild 3
Bild 3

Vorwärts - Abwärts ist der Weg, und nicht das Ziel der Pferdeausbildung

Auf den Reitplätzen wird häufig an den Köpfen des Pferdes geriegelt, gezerrt und gezogen. Oft bedient man sich diverser, teils hinsichtlich der anatomisch korrekten Funktionalität der Muskulatur fragwürdiger, in meinen Augen mitunter sogar schädlicher Hilfszügel, um den Kopf des Pferdes runter zu bringen. Die Dehnungshaltung stellt eine Leistungsanforderung dar,  welcher das Pferd auch gewachsen sein muss. 

 

Ein korrektes Vorwärts-Abwärts erfordert vom Pferd Balance zum einen, und Losgelassenheit  zum anderen. Unter Losgelassenheit verstehe ich eine geistige Zwanglosigkeit und als medizinischen Aspekt, die Bewegung aus einer lockeren, unverkrampften Muskulatur. Also einen psychisch und physisch völlig spannungsfreien Zustand.

 

Gerade für Jungpferde in der Phase des Anreitens stellt das Vorwärts-Abwärts hinsichtlich der Balancefähigkeit oft eine große, und teils schwierig zu bewältigende Herausforderung dar. Wird das Pferd in seiner Kopf-Hals-Achse eingeschränkt, etwa durch feststellen der Zügelhand oder durch viele Arten der gängigen Hilfszügel, kann es den Hals nicht zum Ausbalancieren zur Hilfe nehmen und in Folge wird auch die Losgelassenheit darunter leiden, was sich nicht nur negativ auf die Bewegungsmöglichkeit des Pferdes, sondern auch auf die knöchernen und muskulären Strukturen (Verspannungen, Blockaden) auswirkt.

 

Ein korrektes Vorwärts-Abwärts erfordert also primär Zeit. Zeit, die dem Pferd gegeben werden muss, um seinen Takt zu finden und ausbalanciert losgelöst zu laufen - sowohl an der Longe wie unter dem Reiter.

Balance und Losgelassenheit sind Faktoren, die nicht jedes Pferd grundsätzlich mitbringen und stellen gegebenenfalls einen entscheidenden Ausbildungsschritt dar, auf den erst nach Erlangen zielführend aufgebaut werden kann.

 
Hinsichtlich der Verschleiß-und Verletzungsanfälligkeit der Vorhand des Pferdes muss die Dehnungshaltung zwar aus jedem Ausbildungsstand abrufbar sein, einem Dauertraining, welches teilweise über Jahre hinweg geht, stehe ich persönlich sehr skeptisch gegenüber.

Aus meiner Sicht ist das Vorwärts-Abwärts dem Aufbau der Rückenmuskulatur dienlich, und ist Mittel zur Wahl wenn es um die Rehabilitation von Rückenproblemen geht. Nach anstrengender versammelnder Arbeit muss eine Phase in Dehnungshaltung folgen um das physiologische Gleichgewicht der Muskulatur zwischen An- und Entspannung zu wahren.

Grobe Ausbildungsfehler bestehen, wenn Pferde in bereits fortgeschrittenem Ausbildungsstand sich nicht in die Tiefe arbeiten lassen und die Dehnungshaltung nicht annehmen oder einnehmen können.

 

Bei allem positiven Nutzen der Dehnungshaltung muss man sich aber auch der Vorhandlastigkeit dieser Haltung bewusst sein, und darf das Hauptaugenmerk der anatomisch korrekten Gymnastizierung, das Fördern der Tragkraft der Hinterhand nie aus den Augen verlieren um die sensible Vorhand zu entlasten. 

Wird ein Pferd über Jahre hinweg ausschließlich in Dehnungshaltung geritten, ist der Ausbildungsweg meiner Meinung nach genauso wenig korrekt hinsichtlich der Gymnastizierung des Pferdes, wie wenn Pferde mittels Handeinwirkung künstlich aufgerichtet werden, ohne dass sie die herfür nötige, tragende Muskulatur aufbauen konnten.

 

Es ist in jedem Falle ratsam, seinen Ausbildungs- und Trainingsplan in einem Abstand von 6-8 Wochen zu überprüfen und gegebenenfalls neu zu überdenken, denn auch im Aufbau befindliche Pferde sollen in diesem Zeitraum bei entsprechend korrekter Arbeit bereits Erfolge im Muskelzuwachs oder in der Verbesserung des Gangbildes allgemein aufweisen können. In der täglichen weiterführenden Arbeit erfolgt dann ein ausgewogenes Zusammenspiel aus versammelnder Arbeit und der Dehnungshaltung.

Ich betrachte die Dehnungshaltung ganz klar als Weg, und nicht als Ziel. Für ein leistungsbereites Pferd mit Freude an der Bewegung!

 

 

Gymnastik ist Gesundheits- und Altersvorsorge für das Pferd - Wissen um die körperlichen Vorgänge hilft dabei Irrwege zu vermeiden!

 

 

 

Copyright Text & Bild:  Daniela Schinko, Hippovital.at

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