Gedanken zu "Dr. Internet" und wann es Zeit ist den Tierarzt zu rufen...


Wie gut kennst du dein Pferd wenn es gesund ist?

 

  • Kennst du sein Gangbild und Bewegungsmuster, sodass du auch weißt was unter unphysiologische Bewegungsmuster fällt?
  • Bist du in der Lage selbstständig eine genaue Lahmheitsdiagnostik durchzuführen?
  • Dein Pferd hustet? Bist du in der Lage zu unterscheiden, ob der Husten von den oberen- oder unteren Atemwegen kommt?
  • Bist du in der Lage eine korrekte Wundbehandlung durchzuführen?
  • Bist du in der Lage die PTA - Werte deines Pferdes abzunehmen?

 

 Ich wage zu behaupten, dass die Wenigsten, die Tag für Tag in diversen Pferdeforen und Facebook-Gruppen um Hilfe fragen und von selbsternannten "Experten", ich nenne sie mal "Dr. Internet" , nicht nur Ratschläge sondern auch (Fern-) Diagnosen gestellt bekommen, dazu in der Lage sind lediglich diese fünf Fragen mit klarem "JA" zu beantworten.

Und der kleine Prozentsatz, der fachkundig ist, wir in seinen Kommentaren selten bis gar nicht spekulativ antworten, sondern in der Regel immer dazu raten den "Fachmann" Vorort zu holen.

 

Ich persönlich rate dazu, im Zweifelsfalle immer sofort mit dem Tierarzt zumindest telefonisch Kontakt aufzunehmen. Durch die Schilderung im Gespräch kann der Tierarzt ganz gut abschätzen, und vor allem auch verantworten (!) ob die sofortige Visite angebracht ist, oder ob der Besitzer das Pferd einfach unter Beobachtung halten soll. In der Regel sagt der Tierarzt genau, worauf der Besitzer in den folgenden Tagen achten soll und schlägt vielleicht auch ein Medikament vor, dass der Besitzer während dessen eigenständig verabreichen kann.

Du schützt mit diesem Erstgespräch dein Pferd, denn sollte sich sein Zustand verschlechtern, ist der Tierarzt zumindest von Beginn des Verlaufes an instruiert und kann deinem Pferd dann auch schneller helfen weil er nicht erst Zusammenhänge und Informationen beschaffen muss.

 

Die Gefahr bei "Dr. Internet" ist meiner Meinung gar nicht so sehr der Ratschlag an sich, sondern dass einfach die zielgerichtete Diagnostik fehlt. Husten ist nicht gleich Husten und so kann ein falsch "behandelter" kleiner Infekt der oberen Atemwege sich rasch zu einem chronischen Problem der tiefen Atemwege ausbreiten. Darum ist es sehr wichtig, jeden Huster ernst zu nehmen und das Pferd abhören zu lassen, wo der Infekt sitzt um einen irreparablen Schaden zu mindern. Die gut gemeinten Kräutertipps aus den Foren können die Arbeit des Tierarztes gut unterstützen, aber sprecht es bitte direkt mit den TA ab!

 

Thema Lahmheit - Das Pferd als Fluchttier ist sozusagen Meister im Kompensieren. Bis eine Lahmheit offensichtlich gezeigt wird, versucht das Pferd diese durch Ausgleichsbewegungen zu übergehen und so erscheint ein oft sehr unklares und schwammiges Bild. "Dr. Internet" wird unter Umständen sogar die Lahmheit erkennen, aber mögliche Folgeschäden aus der Ferne nicht beurteilen können und so den Heilungsverlauf erschweren und mit Sicherheit verzögern. Ein Pferd, dass erst 10 Tage nach auftreten der Lahmheit dem Tierarzt vorgestellt wird, erschwert die Diagnostik ungemein weil sich der Kreislauf der beeinträchtigten Gliedmaße schon durch den gesamten Körper gezogen hat.

 

Ein gutes Kommunikationsverhältnis mit dem Tierarzt schützt nicht nur dein Pferd, sondern auch deinen Geldbeutel. Wenn der Tierarzt die Möglichkeit bekommt, dem Pferd zeitnah Hilfe zu leisten, wird er anders vorgehen können hinsichtlich Diagnostik und Therapiemaßnahmen, als wenn schon Zeit verstrichen ist in der das Pferd gar nicht oder falsch behandelt wurde auf Rat von "Dr. Internet".

 

Ich persönlich finde es immer sehr traurig wenn der finanzielle Aspekt im Vordergrund steht, "Dr. Internet" dem Haustierarzt vorzuziehen. Jeder Tierarzt hat nach seinem Studium einen (hippokratischen) Eid abgelegt. Darunter verpflichtet er sich mitunter, dem Tier zu helfen und verantwortungsbewusst zu handeln. Doch in welchem Rahmen er das tatsächlich auch tun KANN, das bestimmst (leider) du als Besitzer... Pflege ein gutes Verhältnis zu deinem Tierarzt, denn du wirst ihn früher oder später brauchen wenn "Dr. Internet" versagt! 

Selbstverständlich kostet Leistung Geld. In der Regel setzt sich das Honorar aus der Visite ( Zeitaufwand), Materialkosten (Spritzen, Verbandszeug...), Medikamenten, Anfahrtskosten, eventueller bildgebender Diagnostik (Ultraschall, Röntgen...) sowie Aliquot aus Versicherung, steuerlichen Abgaben, Fahrzeug etc.pp. zusammen und davon soll möglichst noch ein Gewinn übrig bleiben, von dem der Tierarzt lebt. Ich kenne aus meinem 10-jährigen Klinikalltag wirklich keinen Tierarzt, dem so "langweilig" ist nur wegen ein "paar Euro" für die Visite zu einem Pferd zu kommen wenn es nicht nötig erscheint, dafür ist jeder froh über eine gute Kommunikation mit dem Patientenbesitzer und kaum einer wird für einen "Fehlalarm" so viel Geld verlangen, dass er davon reich wird.

 

Ich kann dennoch nur raten, bilde dich weiter und lerne selbst dein Pferd so gut wie möglich kennen. Lerne über die Muskulatur und Bewegungsabläufe, lasse dir von einem Fachmann Vorort zeigen wie du in groben Zügen deinen Sattel und deine Zäumung auf Passgenauigkeit prüfen kannst, mache einen Hufkurs (auch bei beschlagenem Pferd!) und besuche einen Erste-Hilfe-Kurs für Pferde - so kannst du im Notfall selbst ganz gut abschätzen, wann es Zeit ist, den "Fachmann" zu holen.

 

Auch solltest du die PTA-Werte deines Pferdes kennen. PTA steht für Puls, Temperatur und Atmung. Du solltest diese Werte von deinem gesunden (!) Pferd kennen um im Notfall richtig reagieren zu können.


Rotes Kreuz

  PTA-Normalwerte

 

Puls: 28 - 46/Min

Temperatur: 37,5 - 38,2

Atmung: 10 - 16/Min.

 

Diese Werte sind "circa Werte" und beziehen sich auf das erwachsene Pferd in Ruhezustand! Kleinpferde und Fohlen weichen von den Werten ab!



Die Werte können von Pferd zu Pferd etwas abweichen und können auch innerhalb der Tageszeit schwanken. Ermittle den individuellen Wert für dein Pferd am Besten indem du an ein paar aufeinanderfolgenden Tagen zu selber Uhrzeit Messungen machst und diese sowohl in Ruhe, als auch nach Belastung notierst.


Puls fühlen an Unterseite des Kieferastes






Den Puls fühlst du beispielsweise an der Unterseite des Kieferastes

Rektale Fiebermessung beim Pferd


Fieber gemessen wird rektal.

Zum Fiebermessen stelle dich seitlich neben dein Pferd und fasse (wenn du Rechtshänder bist) mit der linken Hand von unten unter die Schweifrübe und führe den Schweif seitwärts..

So hast du eine gute Hebelwirkung, sollte das Pferd mit dem Schweif schlagen. Den Fieberthermometer mit etwas Lotion befeuchten, vorsichtig einführen und gut festhalten.


 

Die Atemzüge lassen sich gut zählen, wenn du auf die Flanke des Pferdes blickst, die Nüsternbewegung empfinde ich als nicht aussagekräftig. Gezählt werden die Atemzüge pro Minute, wobei Ein- und Ausatmen als 1 Atemzug zählt.

Die Atemfrequenz ist auch mitunter ein wichtiger Parameter, wenn das Pferd bereits an Atemwegserkrankungen leidet.

Lasse dir am Besten von deinem Tierarzt zeigen, wie die die PTA-Werten nimmst und schlussendlich macht Übung den Meister. :-)


(c) Daniela Schinko, Hippovital.at

 

ergänzend zum Artikel:

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  Mit Klick auf das Herzenspferd-Logo liest du im Blog von Christina, warum man mehr sein muss als nur ein Pferdefreund.



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