Die Trachten - biomechanisches Gleichgewicht oder Dysbalance im ganzen Pferdekörper? 


Vorweg möchte ich klarstellen, dass dieser Beitrag nicht dazu gedacht ist, bearbeitungstechnische "Fachsimpeleien" aufzugreifen. Viel mehr geht es darum, ein Wenig Blickschulung zu geben für Probleme wie sie vielfach auftreten, den aktuellen Hufbearbeitungsintervall des Pferdes zu betrachten, und darüber hinaus zum Nachdenken anzuregen.

 

Viele Pferde aus meinem Arbeitsalltag als Trainerin haben einen nahezu fixen Bearbeitungsintervall, beispielweise kommt der Schmied alle 8-12 Wochen um das Pferd neu zu beschlagen. Leider gilt es noch immer bei vielen Pferdebesitzern als "Qualitätskriterium" des Schmiedes, wenn die Eisen möglichst lange halten und so werden Beschlagsperioden oft noch über diesen Zeitraum hinweg hinausgezögert. Auch bei Barhufpferden sind die Bearbeitungsintervalle oft für das jeweilige Pferd zu lange.

Zu lange heißt aus meiner Sicht, wenn das Pferd aufgrund des Bearbeitungsintervalls als Gesamtes in eine Dysbalance gerät, denn man darf nicht den Huf gesondert betrachten, sondern immer die daraus resultierende Konsequenz für den gesamten Körper.

Mitunter können gerade im Bereich der Trachten durch vernachlässigte oder unsachgemäße Bearbeitung enorme Dysbalancen, und auch körperliche Beeinträchtigungen, im gesamten Pferdekörper entstehen. Darauf möchte ich im weiteren Textverlauf näher eingehen.

 

Vorab, ein bewusst klein gehaltener Grundriss über die Funktion und Anatomie  der Trachten im Allgemeinen:

 


 

 

 Die Trachten verlaufen im Wandbereich von der weitesten Stelle des Hufes ausgehend zur Trachtenendkante. Die Trachtenendkante befindet sich optimaler Weise auf gleicher Höhe wie die breiteste Stelle des Strahls und dort inseriert die Trachte im Trachteneckwinkel mit der Eckstrebe, welche in etwa Mitte des Stahls endet.

Befindet sich die Trachtenendkante unterhalb der breitesten Stelle des Strahls, spricht man von untergeschobenen Trachten.

 

Die Trachten haben, gemeinsam mit dem Eckstrebenwinkel und der Eckstrebe selbst, enorm stützende Eigenschaften sowohl auf die Hornkapsel selbst, als auch allgemein auf die Statik des Pferdes und bilden eine stützende und tragende Auflagefläche.

 

 

Statik Pferd

Bei physiologischer Hufstellung (unter Belastung bodenparalleles Hufbein) fällt das Gewicht des Pferdes durch die Mitte des Röhrbeins und Fesselkopfes lotrecht nach unten und trifft innerhalb dieser Kraftlinie auf die Trachten, den Trachteneckstrebenwinkel und den Bereich der Eckstreben.

 

 

 

Im Frontalschnitt machen die inneren Strukturen deutlich, welchen Einfluss die Trachten, der Trachtenwinkel und die Eckstreben auf die Hufbeinäste und Hufknorpel haben.

 

Unphysiologische Extreme wirken sich, neben vielen anderen Auslösern, beispielsweise dahingehend aus, dass zu hohe Trachten die Hufbeinäste und Knorpel hoch drücken können und diese in ihrer Funktion stören, zu niedrige Trachten können sich auf die Hufrolle (Strahlbein, tiefe Beugesehne und der dazwischen gelagerte Schleimbeutel bilden die Hufrolle) negativ auswirken, in dem primär das Strahlbein übermäßige Belastung erfährt, was zur sogenannten Podotrochlose (Hufrollensyndrom), einer degenerativen Erkrankung führen kann.

Aus biomechanischem Aspekt, gerade hinsichtlich der Hufrolle, ziehe ich persönlich die plane Fußung in jeder Gangart  des Pferdes, die der Trachtenfußung vor und betrachte die physiologisch korrekte Trachtenhöhe immer individuell für das jeweilige Pferd angepasst. Eine "Fausregel" nach Norm kann es nicht geben!

Bild links:

Das Pferd kompensiert eine Dysbalance und daraus resultierenden Schmerz durch deutliche Schonhaltung im Bereich der Trachte in dem es die Extremität entlastet und vor streckt.

Bild rechts:

Die Dysbalance  der lateralen Trachte und Eckstrebe im Verhältnis zur Medialen war Auslöser eines Hufabszesses.

Derartige Dysbalancen sind sowohl bei beschlagenen Pferden, als auch Barhufpferden in der Regel häufig zu finden. Sie können das Gangbild enorm stören und zu dem schmerzhaften Druck auslösen. 


Die nächsten Beispielbilder haben mich dazu veranlasst, diesen Artikel zu schreiben. Die Bilder zeigen den linken Hinterhuf eines Pferdes mit aktuell 4-wöchigem Bearbeitungsintervall. Das Pferd lebt im Offenstall, hatte aufgrund der Witterungsverhältnisse (Schnee) wenig natürlichen Abrieb. Am Rande möchte ich anmerken, dass es sich um ein getestet stoffwechselgestörtes Pferd handelt (PSSM), welches getreidefrei ernährt wird und weitgehend symptomfrei lebt. Die Hufsituation war, gerade an den Hinterhufen, sehr eng und steil, sodass man bei dem Fotobeispiel berücksichtigen muss, dass sich die Hufe nach wie vor kontinuierlich im Umbau befinden, und sich im Rahmen des Möglichen durchaus positiv entwickeln.

Bild links:

unbearbeitet seit 4 Wochen. In diesem Falle ein eindeutig zu langer Bearbeitungsintervall mit Blickrichtung auf die hohen Trachten, die in der Last stehenden Eckstreben und den Tragrandüberstand.

Bild rechts:

nach der Bearbeitung - der Tragrandüberstand wurde knapp über Sohlenniveau zurückgenommen, die Eckstreben aus der Last genommen und die Trachtenhöhe angepasst.


Es gilt also, den Huf des Pferdes aufmerksam zu betrachten und den Bearbeitungsintervall nicht zu automatisieren, sondern wirklich bedarfsgerecht auszulegen um sämtliche Dysbalancen erst gar nicht auftreten zu lassen oder möglichst zu minimieren. Auch muss man sich der Auswirkung auf den gesamten Pferdekörper stets bewusst sein, gerade wenn der Huf unausbalanciert ist, da das Pferd stets versuchen wird jegliche Dysbalancen zu kompensieren. Dadurch entstehen Überlastungen anderer Körperpartien durch Schonhaltung und entwickeln sich zur Fehlhaltung welche sowohl die knöchernen, als auch muskulären Strukturen betreffen.

 

Ergänzender Lesestoff:  Anzeichen von Funktionsstörungen der Muskulatur und deren Auswirkungen

 

 

 

 

Dass dieses Pferd nicht mehr komfortabel laufen kann, sollte ein Blick zurück zum Frontalschnitt verdeutlichen.

 

Die Bereiche Trachten und Eckstreben haben in der Stützbeinphase den ersten Bodenkontakt und stauchen in dem Falle mitunter die gesamte Hufbeinaufhänhung hoch. Der Hufbeinwinkel verändert sich durch Steilstellung des Hufbeines, sodass vermehrt Last auf die Hufbeinspitze zu tragen kommt. Biomechanisch betrachtet ist das Pferd in seinem natürlichen Gleichgewicht durch die vermehrte Lastaufnahme mit der Zehe dahingehend gestört, dass es eine Schwerpunktverschiebung als Gesamtes nach vorne erfährt.

 

Der Huf ist nicht nur Tastorgan, sondern auch Ausscheidungsorgan für stoffwechselbedingte Störungen im Körper -  ein durchaus sensibles Organ, das nicht umsonst gerne als "weiteres Herz" des Pferdes bezeichnet wird.


(c) Daniela Schinko, Hippovital.at


Ergänzender Lesestoff

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