Der Sinn oder Unsinn von Gerte oder Sporen

 

Im Zuge meiner Arbeit als Trainerin begegne ich immer wieder Reitern, deren Pferde sich im Vorwärts verhalten und die Schenkelhilfe des Reiters schwer bis gar nicht annehmen.

Oft stellt sich dann die Frage, den sogenannten Schenkelgehorsam mit der Gerte oder dem Sporen wieder herzustellen? Aus meiner Sicht bedarf es zur Beantwortung dieser Frage einem grundsätzlichem Verständnis über die biomechanischen Vorgänge im Pferdekörper, sowie einer Betrachtung der Hilfengebung im Allgemeinen.

 

Das Streben nach Vorwärts hat primär nichts mit Geschwindigkeit zu tun, sondern stellt vielmehr eine psychische Haltung dar, der das Pferd auch gewachsen sein muss. Es bedeutet, den absoluten Willen des Pferdes, jederzeit sofort auf die Reiterhilfe anzutreten.

Das schiefe Pferd kann nicht die volle Energie der Hinterhand im Vorwärts einsetzen.
Das schiefe Pferd kann nicht die volle Energie der Hinterhand im Vorwärts einsetzen.

 

Um das in korrektem Maße überhaupt erfüllen zu können, muss die Vorhand des Pferdes auf die Hinterhand spurig ausgelegt sein. Das Pferd muss geradegerichtet sein.

Tritt die Hinterhand jedoch an der Vorhand vorbei, verpufft die Energie der Hinterhand gewissermaßen. 

Das Pferd kann die Hanken nicht beugen und die Hinterhand zum Tragen einsetzen.

Das schiefe Pferd hat demnach nicht nur einen Kraftverlust, sondern wird auch in seinem Gleichgewicht erheblich gestört.

 

Das schiefe Pferd wird seinen Balanceverlust mit einer höheren Geschwindigkeit zu kompensieren versuchen, was sich vor allem beim Laufen auf der Kreisbahn bemerkbar macht. Um nicht zu Sturz zu kommen, muss das schiefe Pferd mit der Hinterhand ausscheren, was nicht nur für das Ileosakralgelenk (ISG) eine Hauptbelastung darstellt, sondern auch für die sensible Schulterpartie.

Zu dem ist die Losgelassenheit des Pferdes natürlich empfindlich gestört.

 

Der Ausgleich der natürlichen Schiefe des Pferdes, und somit die Geraderichtung, ist nicht nur Vorsorge den Pferdekörper nicht frühzeitig zu verschleißen aufgrund der Überlastungssituation der Strukturen, sondern auch unabdinglich, will man das Pferd auf feine Reiterhilfen durchlässig machen.

Das Vorwärts erhalten!

Vielen Pferden wird dieser grundsätzlich naturgegebene Impuls (Lauftier) nach Vorwärts zu streben fälschlicher Weise, bewusst oder unbewusst, schlicht weg abtrainiert.

 

Gerade in der Westernreiterei ist es weit verbreitet, die Pferde häufig rückwärts zu richten. Aus meiner eigenen 8 jährigen Reining-Reiterfahrung, weiß ich, dass dies nicht nur zum Training einer geforderten Lektion geschieht, sondern durchaus auch vielfach erzieherisch-korrigierenden, Gehorsam fördernden Charakter haben soll. Diese "maßregelnde" Art des Rückwärtsrichtens betrachte ich lernpsychologisch als sehr zweifelhaft, da es enormen Einfluss auf das Wesen des Pferdes hat. Aus meiner persönlichen Sicht stellt das permanente, oder oft wiederholte Rückwärtsrichten des Pferdes mit unter auch eine gewisse Demütigung für das Pferd dar, welche mit zweifelhaftem Sinn hinsichtlich des erzielten Effektes - ob man als Reiter einen demütigen Befehlsempfänger, oder ein anmutig - stolzes Pferd möchte -  zu betrachten ist.

Viele dieser "rückwärtsgerittenen" Pferde verlieren ihren Grundinstinkt ans Vorwärts, gekennzeichnet durch extrem untertouriges Laufen. Anstatt korrekter, und Natur gegebener Weise in Gedanken bei der nächst höhere Gangart zu sein, "denken" diese Pferde rückwärts, das heißt, an die nächst niedrigere Gangart.

 

Ich persönlich bevorzuge Pferde, die im Trab beispielsweise in ihrer Geisteshaltung (das heißt NICHT, dass der Körper das auch umsetzt!) den Galopp erwarten mehr, als Pferde die im Trab schon gedanklich wieder im Schritt sind. Solche Pferde sind in der Regel nicht triebig.

 

 

Die Wirkung der Schenkelhilfe aus anatomischer Sicht

schematische Darstellung der oberflächlichen Bauchmuskulatur des Rumpfes.
schematische Darstellung der oberflächlichen Bauchmuskulatur des Rumpfes.

Bild links:

je besser die Größenverhältnisse von Pferd und Reiter abgestimmt sind, umso mehr muskuläre Strukturen mit unterschiedlicher Einwirkungsmöglichkeit hat der Reiter.

 

 

Bild rechts:

Aufgrund der Größenverhältnisse von Pferd und Reiter  ist hier eine überwiegende Einwirkung auf den großen schiefen Bauchmuskel.

Schenkelhilfe reiten

Der Muskulus serratus ventralis thoracis ist in seiner Funktion ein Rumpfträger. Bei Einwirkung des Reiters mit beiden Schenkeln in diesem Bereich, wird das Pferd veranlasst den Rumpf zu heben.

 

Wirkt der Reiter impulsweise  in Gurtlage, oder knapp dahinter, beidseitig auf den großen schiefen Bauchmuskel (M.obliquus externus abdominis) ein, wird das Pferd die Rücken - Nierenpartie aufwölben und die Hinterhand aktivieren.

Dauert diese Hilfe an, wird das Pferd durch den andauernden Spannungszustand gezwungen, sich auf die Hinterhand zu "setzen". Es ist unabdinglich, bei Anwendung dieser Schenkelhilfe abzuwägen, ob das Pferd  körperlich auch dazu in der Lage ist, dieser Hilfestellung gerecht zu werden und sie darf aus meiner Sicht nur dem momentanen Trainings- und Ausbildungsstand des Pferdes entsprechen!

 

Die Einwirkung beider Schenkel in anhaltender Weise viel weiter hinter der Gurtlage führt zu einem Absenken des Brustkorbes und in Folge dessen zu einer enormen Störung im Gleichgewicht des Pferdes. Mitunter reagiert das Pferd auf diese Art der Hilfengebung mit Rückwärtstreten.

 

Sinn oder Unsinn von Gerte oder Sporen

Es ist also aus meiner Sicht völlig unsinnig und unphysiologisch, ein Pferd das auf die Schenkelhilfe nicht reagiert, sei es weil es abgestumpft ist oder diese nicht versteht, durch Einsatz von Sporenhieben in den Rumpf zum Vorwärtsgehen zu veranlassen, da dies eine widersprüchliche Hilfe darstellt die der natürlichen Reaktion des Körpers entgegensetzt.

 

Jeder kann im Selbstversuch testen was in seinem Körper passiert wenn man sich von einer anderen Person beidseitig spontan in die Rippen pieksen lässt, ähnlich dem Sporeneinsatz am Rumpf. Die Bauchmuskulatur wird kontrahieren und in Folge sich der Rücken wölben. Es wird sich auch eine physisch verhaltende Reaktion einstellen.

Ebenso reagiert das Pferd, sei ihm diese natürliche Form der Annahme der Hilfe nicht künstlich abtrainiert.

Ein plötzlicher, energischer Sporenhieb muss immer wohlbedacht sein, da er das Pferd eher verlangsamen wird und je nach Ausmaß sogar aus jeder Gangart zum Stillstand bringt, wie der Effekt d` ensemble in der klassischen Reitkunst beschreibt.

 

Sinniger Weise entspricht eher der Einsatz der Gerte zur Verdeutlichung der Schenkelhilfe und fungiert sozusagen als "Meinungsverstärker" bei Pferden die selbiger nicht fein und prompt Folge leisten. Wenn man bedenkt, wie sensibel Pferde mit ihrer Muskulatur auf kleinste Störungen ihres Körpers reagieren alleine wenn eine Fliege auf ihrem Fell sitzt, dann sollte klar sein, dass eine Schenkelhilfe auch fein dosiert ankommt. Jeder Reiter wünscht sich, dass sein Pferd auf feine Hilfen reagiert, doch selten bekommt das Pferd auch die Gelegenheit auf diese überhaut erst reagieren zu können da viele Reiter schon von Grund auf sehr viel Druck allgemein, und explizit mit den Schenkeln ausüben.

 

Reagiert das Pferd nicht angemessen auf feine Schenkelhilfe mit sofortiger Reaktion, so ist zuerst die Losgelassenheit, was eine geistige Zwanglosigkeit und Bewegung aus einer lockeren, unverkrampften Muskulatur bedeutet, zu überprüfen und gegebenenfalls wiederherzustellen. In Folge wird bei Missachtung der Schenkelhilfe zeitgleich eine Gertenhilfe gegeben. Wichtig dabei ist, dass die Intensität der Schenkelhilfe nicht erhöht wird, sondern fein bleibt. Statt dessen wirkt die Gertenhilfe unmissverständlich auf die zu aktivierende Hinterhand des Pferdes ein. Wenn das Pferd der (Gerten-) Hilfe Folge leistet und auf das Vorwärts reagiert, setzt die Schenkelhilfe sofort aus und wird erst impulsweise wieder eingesetzt wenn diese erforderlich ist. Auch ist auf ein Trennen von Zügel- und Schenkelhilfen zu achten (Baucher "Hand ohne Bein - Beine ohne Hand") und nicht "vorne zu ziehen" und "hinten zu treiben".

 

Pferde, die mit permanent treibenden Schenkeln geritten werden, stumpfen nicht nur körperlich sondern auch geistig ab da sie nie eine Belohnung für ihr Engagement erfahren. Schenkt euren Pferden Vertrauen, ihre Aufgabe -zum Beispiel das Halten einer Gangart - selbstständig ohne zutun euer ständigen Hilfen erfüllen zu können und nehmt ihnen nicht den Willen zur freien Mitarbeit durch ein Überangebot an Hilfen.

 

 

Mit den Reiterhilfen auszusetzen und das Pferd in "Freiheit auf Ehrenwort"  zu entlassen wenn es alles richtig macht, ist der Schlüssel zur feinen Reitkunst.

 

 

Copyright Text & Bild: Daniela Schinko, Hippovital.at

Ergänzend zum Artikel:

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Richtig mit Gerte reiten von Tipps zum Pferd

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