Die Zäumung auf Trense - Anatomisches zur Auswahl des Mundstückes

Gesichtspunkte


Es herrschen so viele Zweifel, Wissenslücken, aber auch Irrtümer der Pferdebesitzer über die Wirkungsweise der verschiedenen Trensen, Mundstücke, oder die Zäumung im Allgemeinen, dass es gar den Anschein erwecken mag,  manch einer "flüchtet" zur gebisslosen Zäumung um augenscheinlichen Fehlern zu entkommen. 

Ein Wissen um die anatomischen Faktoren des Pferdeschädels ist in beiden Fällen, ob der Reiter nun eine gebisslose Zäumung wählt oder auf Trense/Kandare zäumt, unerlässlich und dient dem Tierschutz.

 

Oft bekomme ich die Frage gestellt, welche Trense die Geeignetste wäre. Die Beantwortung dieser Frage mache ich primär von drei Faktoren abhängig :

  • von den individuell unterschiedlichen anatomischen Gegebenheiten im Pferdemaul.
  • vom Wirkungsmechanismus der Trense.
  • vom reiterlichen Vermögen.

Zum Auftakt einer diesem Artikel nachfolgenden Serie über den Wirkungsmechanismus verschiedener Trensen im Vergleich, möchte ich einen Einblick in die anatomischen Gegebenheiten bieten und somit ein Grundverständnis zur späteren Auswahl der Trense schaffen.

Hengstzähne und Gaumenwölbung
Merkmal der Hengst- und Wolfszähne, sowie der Gaumenwölbung

Zuerst möchte ich bei der Auswahl der Trense einen Blick auf die Lage der Hengstzähne, sowie die der Wolfszähne werfen. Diese sind nur rudimentär oder gar nicht angelegt.

Gerade den Hengstzähnen im Oberkiefer wird oft wenig Beachtung geschenkt, da sie meist von der Fülle der Lippen verdeckt sind. Ein wichtiger Faktor sowohl zur Auswahl des Mundstückes, aber auch für die Verschnallung der Trense mit dem Zaum. Wird dieser zu tief verschnallt, kann es zu einem Verhaken der Trense mit den oberen Hengstzähnen kommen. Bei zu hoher Verschnallung kann das Gebiss schmerzhaft an die Wolfszähne schlagen. In der Regel wird der (Pferde-) Dentist diese verkümmerten Zähne entfernt.

einfach gebrochene Trense
Die oberen Henstzähne, sowie die Gaumenwölbung werden durch Anheben der Lippen sichtbar

Der Gaumen

Der Gaumen hat zumeist eine Höhe von 1,5 - 3,5cm, und weist aufgrund dessen eine individuell unterschiedliche Wölbung auf. Es gibt also Pferde mit entsprechend gut gewölbtem Gaumen, wo mit unter andere Munstücke Platz finden, als bei Pferden mit vergleichsweise flachem Gaumen. Erwähnt werden muss, dass der Gaumen im Alter absinkt. Das heißt, ein in jungen Jahren angepasstes Mundstück wird im fortschreitendem Alter vermutlich nicht mehr passen.

Die Auflagefläche des Mundstückes

Die Auflagefläche des Mundstückes ist die Lade (Diastema).

Die Lade hat in etwa 60% der Breite des Unterkiefers und ist lediglich mit einer Schleimhaut überzogen, was ein ganz entscheidendes Kriterium für die Auswahl des Mundstückes darstellt. Der individuellen Beschaffenheit der Lade muss unbedingt hohe Aufmerksamkeit zugemessen werden. Eine "fleische" Lade verträgt ein anderes Mundstück wie eine "kantige" Lade. Bei falscher Auswahl des Mundstückes in Bezug auf die anatomischen Gegebenheiten im Maul UND der reiterlichen Einwirkung kann es ansonsten zu schmerzhaften Reizungen der Schleimhaut, aber auch zu Veränderungen der knöchernen Strukturen der Lade kommen.

Ebenfalls kommt der Fülle der Lippen, und der Zunge große Bedeutung zu.

 

Auflagefläche der Trense

Die Zunge

 Zungenmuskulatur im Querschnitt
Darstellung der Zungenmuskulatur im Querschnitt

Die Zunge ist ein hochsensibles Organ, und maßgeblich am Gleichgewichtssinn des Pferdes beteiligt. Störungen in der Zungenmuskulatur, wie am Zungenbein können zu erheblichen Fehlern im Gangbild führen, da die Ausläufer Verbindungen vom Kopf zur Halswirbelsäule, zum Schultergelenk und Brustbein haben. Mitunter aus diesem Grunde lehne ich persönlich Mundstücke ab, die ohne Zungenfreiheit plan auf der Zunge aufliegen.

Der Nervus glossopharyngeus, ein wichtiger Zungennerv, leitet unter anderem Geschmacksempfindungen, Temperatur, Berührungen aber auch Schmerz.

Jeder, der sich schon mal selbst auf die Zunge gebissen hat, wird das nachempfinden können.

Die Zunge ist sehr voluminös, und ist im Schnitt fast drei mal so breit wie die Auflagefläche der Lade. Das Volumen der Zunge, und die fleischigen Lippen sind oft irreführend hinsichtlich der passenden Größe des Mundstückes. Dieses wird vielfach zu groß gewählt. Die Folgen von zu groß gewählten Trensen werde ich in weiterführenden Artikeln gesondert darlegen.

Das Genick

Für den Reiter unerlässliches Wissen zur Auswahl der Zäumung generell, und für die Auswahl der Trense ganz besonders, ist das Bewusstsein um die Hebelwirkung bei Zügelanzug auf das Genick. Dieser Faktor muss auch bei gebisslosen Zäumungen stets im Bewusstsein verankert sein, will man seinem Pferd keine Schmerzen zufügen, oder es im Gangbild stören. 

Anatomie Pferdeschädel

 

Betrachtet man die nebenstehende Skizze, so wird die Sensibilität des Genicks deutlich, und der aufmerksame Betrachter gewinnt einen Eindruck über die fatalen Folgen reiterlicher Fehleinwirkung auf diese empfindliche Struktur.

 

Reitfehler, die sich fatal auf das Genick auswirken:

  • rückwärtswirkende Zügelhände. Dabei reicht das Spektrum von "nach hinten ziehen", bis zu in Rollkur/LDR gerittenen Pferden.
  • starre und steife Zügelführung (festgestellte Zügelhände).
  • "riegeln".
  • mangelhafte Nachgiebigkeit der Zügelhände.

 

Jedes Kilogramm Zügelanzug verzehnfacht sich aufgrund der Hebelwirkung auf das Genick!

 

Mit diesem Bewusstsein kann ich nur eindringlich dazu raten, sich der Vorstellungsgabe hinzugeben, sich die nebenstehende Skizze vor Augen zu halten und daran zu denken, was im Bereich des Genicks passiert wenn der Reiter am Zügel zieht. Es wirken erhebliche physikalische Kräfte durch die Länge des Schädels auf das Genick ein.

Die Reitweise und Zügelführung

Aus meiner Sicht muss sich der Reiter zum Schutze seines Pferdes hinsichtlich der Auswahl der Zäumung auch unbedingt Gedanken zu seiner Reitweise, und ganz besonders über sein Vermögen der Zügelführung machen. Wenn man sich seine Reitfehler bewusst vor Augen hält, und mit dem Wirkungsmechanismus der verschiedenen Mundstücke vertraut ist, wird die Auswahl einige Varianten ausschließen oder gar "verbieten", sowie andere begünstigen.

Auch muss man sich seiner Verantwortlichkeit dem Pferd gegenüber stets bewusst sein. Diese hört nicht bei der artgerechten Versorgung und Haltung des Pferdes auf, sondern bezieht genauso eine bestmöglichste reiterliche Ausbildung mit ein. Die Verpflichtung dem Geschöpf Pferd nicht zu schaden geht jeder Pferdebesitzer mit der Anschaffung des Tieres ein, und heißt auch, sich über die Ausrüstung bestmöglich kundig zu machen, und diese praktisch entsprechend anwenden zu lernen.


Nutzt man das Pferd als Reittier, so unterliegt der Reiter meiner Meinung nach dem "ethischen Gesetz",  alles daran zu setzten so gut reiten zu lernen, wie nur möglich.

 

Theoretisches Wissen schützt, genauso wie das praktische Können!

 

Copyright Text & Bild: Daniela Schinko, Hippovital.at

Ergänzende Artikel:

Über die Zügelhilfen, die Zügelführung und deren Auswirkungen

Gedanken zum Knotenhalfter unter anatomischen Gesichtspunkten

Über die Wirkungsweise der einfach gebrochenen Trense

Die doppelt gebrochene Trense - über die Wirkungsweise und Anatomie im Pferdemaul

Einer Studie mittels Röntgenbildern unter teilweisem Einsatz von Kontrastmittel zur Darstellung der Weichteile widmete sich auch Dr. Peter Witzmann, sowie Frau Friederike Uhlig mittels Röntgenbildern.


Trainingstage österreichweit und im benachbarten Ausland -Termine auf Anfrage.

 

Mail: info@hippovital.at

Tel: +43 (0) 664/ 503-26-33

 


Allgemeine Geschäftsbedingungen
AGB.pdf
Adobe Acrobat Dokument 304.6 KB
Logo 'PayPal empfohlen'