Von psychischen Traumen, Misshandlungen und Ängsten zum Vertrauen.... Fallbeispiel einer persönlichkeitsbildenden Pferdepersönlichkeit


Petra von der Pferdeflüsterei hat eine Aktion ins Leben gerufen, an der ich mich gerne beteilige. Es geht darum, dass verschiedene Blogger ihre Wege beschreiben zum Thema Vertrauen mit dem Pferd.

 

Ich wurde von Tanja von Tash Horse Experience nominiert, da ich gerade dein Jungpferd anreite. Dieses junge Pferd hat eine bewegende Vorgeschichte, die ich als Fallbeispiel schildern möchte. In Stichworten geht es um:

  • psychische Traumen
  • Misshandlung
  • Angst

Ich suchte primär ein Pferd nach den Kriterien "Noriker, Schwarzflecktiger, jung, Hengst, gesund, bestimmte Linienzucht...".


Als ich Pauli das erste Mal sah, stand er bei einem Händler in einer bis oben hin vergitterten Box. Entzückt von seinem Ansehen öffnete ich die Türe, trat unverblümt ein und wollte auf das entzückende Fohlen zu, um mich bekannt zu machen. Als ich auf ihn zu ging, drehte mir der Kleine das Hinterteil zu und ich blieb erstmal stehen. Pauli zog die Kruppe ein wie ein Hund der Prügel erwartet und war binnen kürzester Zeit schweißgebadet. Er stand mit dem Kopf zur Wand und zitterte wie Espenlaub. Jedes Wort von mir versetzte ihn in Angst, jegliches beruhigende Zureden ließ ihn noch tiefer in seine Ecke kriechen.


Ich zog mich langsam zurück und setzte mich still in die gegenüberliegende Ecke in seiner Box. Dort saß ich mit gesenktem Blick stundenlang und wartete ab.  Zeit spielte in dem Moment keine Rolle, auch zeigte ich zu dem Moment keine Emotion.  Pauli blickte sich kein einziges Mal zu mir um, er schwitze und zitterte weiter und so beschloss ich zu gehen. Ich stand langsam auf, drehte mich in Richtung Türe um und sagte: "Kleiner Mann, wenn du es nicht schaffst über deinen Schatten zu springen mir eine Chance zu geben, dann muss ich wohl gehen".  In dem Moment fühlte ich seinen Atem in meinem Nacken, und das war wohl der bewegendste Moment der mich heute noch sehr berührt.


Als es um das Verladen des kleinen Pferdes ging, waren sofort 4 "helfende" Männer zur Stelle, die versuchten, ihn mit Stichen der Mistgabel in die Kruppe und Schlägen mit Stocken auf seinen Rücken dazu zu bewegen aus der Box zu kommen. Mit jungen Hengsten macht man das so, wurde mir erklärt...Ich versuche beim Schreiben meine Emotionen zurück zu halten, meiner Wut und dem damaligen Ärger keinen Platz zu schenken und das möglichst emotionslos zu schildern.  Pauli hat sich nicht geweht, er hat die Misshandlungen zitternd über sich ergehen lassen. Ich habe das Pferd übernommen und er ließ sich anstandslos alleine verladen. Sein Halfter war am Unterkiefer eingewachsen und brachte die nächste Misshandlung ans Tageslicht. Nach meiner Recherche wurde Pauli auf der Alm geboren und war erst 4 Monate alt, als er von seiner Mutter getrennt und von der Milch abgesetzt wurde. Das lief so ab, dass bei Almabtrieb die Mutter in einen Hänger verladen wurde, Pauli in einen anderen.  Dieses psychisches Trauma  war wohl schwerwiegender als der körperliche Schmerz durch das damalige Anlegen des Halfters, das man ihm nie mehr abgenommen hat und schlussendlich eingewachsen war....


Zusammenfassend habe ich ein junges Pferd in meine Obhut übernommen, dass


a) in seiner geistigen und körperlichen Entwicklung zurückgeblieben war aufgrund des frühen Absetzens von der Mutter und ausbleibenden sozialen Kontakten.

b) durch Schläge auf den Rücken und die Kruppe misshandelt wurde.

c) allgemein verängstigt war.


...die ersten Minuten nach der Ankunft.
...die ersten Minuten nach der Ankunft.




Um diese Probleme zu lösen, musste ich dem Pferd zuerst zurückgeben was ihm in seiner artspezifischen Besonderheit zusteht:

  • soziale Kontakte zu Artgenossen
  • freie Bewegung
  • uneingeschränkte Nahrungsaufnahme

Ich habe in dieses kleine Pferd nie eine Erwartungshaltung gesetzt, sondern wollte ihm primär ein Pferdeleben bieten in dem er die Wahl hat ob er dem Menschen (mir) darin Raum schenkt oder nicht. Pferde sind sehr sensitive Wesen und spüren an der Aura, die jeden umgibt sofort ob das Tun auch die Geisteshaltung wieder spiegelt. In der Pferdewelt gibt es nur Authentizität, also die Echtheit. In der Pferdewelt gibt es kein "so tun als ob", und das ist meiner Meinung nach der Schlüssel zum Vertrauen, aber auch woran viele Pferd - Mensch - Beziehungen scheitern.

 

Ich würde von keinem Pferd jemals etwas verlangen, wozu es nicht in der Lage ist und dazu bedarf es dem Einfühlungsvermögen auf psychischer wie physischer Ebene. Dabei spielt die Sicherheit und Souveränität, die ich als Trainer (jeder ist Trainer für sein Pferd) ausstrahle eine entscheidende Rolle. Auf natürlichem Wege sind Pferde in Herdenverbänden strukturiert innerhalb derer jedes Mitglied seine ihm zugedachte Aufgabe zu erfüllen hat. Diese Strukturen bieten der gesamten Herde Schutz und Sicherheit. Die Leittiere erhalten ihren Rang aufgrund ihrer Erfahrung und Souveränität. Beobachtet man Herdenverbände, so wird man feststellen, dass kaum die dominanten "Raufbolde" an der Führungsspitze zu finden sind, sondern eher Pferde mit ruhigen, aber dennoch bestimmtem Auftreten, denn schlussendlich ist es für die gesamte Herde sicherer wenn ein Chef nicht erst raufen muss bevor er seine Herde von A nach B bewegen kann. 

Viele Pferdebesitzer wollen das Vertrauen ihres Pferdes überprüfen oder gar fördern, indem sie das Pferd in Planen einwickeln, es mit Gegenständen aussacken oder durch Flattervorhänge führen. Das sind aus meiner Sicht unnatürliche Handlungen, die zudem unnötig sind wenn der Trainer authentisch, souverän und sicher in seinem Auftreten ist und zeigen nicht wie vertrauensvoll das Pferd im Ernstfall auf den Trainer reagiert. Ein Pferd kann toll durch den Flattervorhang laufen und im Ernstfall, wenn das Pferd sich fürchtet und der Mensch versagt, dennoch konträr reagieren.


...eine Woche nach seiner Ankunft.
...eine Woche nach seiner Ankunft.

 

 

 

Durch diese Geisteshaltung der Sicherheit, Erfahrung und Souveränität hat Pauli innerhalb kurzer Zeit zu mir dahingehend Vertrauen gewonnen, dass er beschloss sich mich einmal näher anzusehen. Er hat selbst den ersten Schritt gemacht und dieser Faktor ist mir grundsätzlich bei jedem Pferd wichtig. 

In der weiteren Vertrauensarbeit darf primär Zeit nie eine Rolle spielen und das Pferd muss aus meiner Sicht stets die Wahl haben sich anders zu entscheiden.

 


 


Wenn das Pferd sich gegen eine (vertrauensbeweisende) Anforderung entscheidet, muss ich als Mensch primär an mir selbst arbeiten. Und dabei stelle ich mir selbst wieder die Fragen:

 

  • wie authentisch und glaubwürdig bin ich?
  • wie viel Sicherheit biete ich dem Pferd?
  • wie souverän bin ich in meiner Anforderung?

 

Das Vertrauen eines Pferdes mit solch einer Vorgeschichte wie Pauli hatte zu gewinnen, ist persönlichkeitsbildend eine bereichernde Erfahrung gewesen für mich. Pauli hat mir einmal mehr Stille und Inne halten gelernt und mir jeden noch so kleinen Fehler, beispielsweise ein zu langer Blick auf seine Schulter den er als treibend empfand, durch sofortige kopflose Flucht aufgezeigt. Jahrelang war sein Rücken aufgrund der Schläge ein psychisch verankertes Thema mit körperlichen Auswirkungen. Er hat sich durch seine Ängste massiv verspannt und somit jegliche Behandlung erschwert. Mein Weg dieses Problem zu lösen lief  einmal mehr über das Vermitteln von Sicherheit und der Echtheit meiner Absicht ohne Erwartungshaltung und ich bin sehr stolz auf den Burschen, dass ich heute sogar auf im Platz nehmen darf und er mich losgelassen und zufrieden trägt. Aus ihm ist heute, 6 Jahre später ein selbstbewusstes Pferd geworden, dass durch seinen Charme überzeugt und zu dem absolut klar im Kopf und stets zuverlässig ist. Meinen Respekt an diese Pferdeseele!

 

Dem Leser, der nun bis zum Schluss dieser zum Teil sehr persönlichen Geschichte durchgehalten hat möchte ich für seinen vertrauensfördernden Weg mit dem Pferd die fett unterlegten Worte mitgeben, und  zuletzt noch ein heikles Thema anschneiden wenn es mit der gegenseitigen Vertrauensarbeit nicht klappt.

 

So, wie wir Menschen uns untereinander auch nicht alle "riechen" können, so gibt es durchaus auch innerhalb der Pferd - Mensch - Beziehung Antipathien, also Abneigungen.

Fühle in das Pferd hinein, fühle in dich hinein und stelle ohne zu werten die Frage, ob du der richtige Trainer für das Pferd bist?

Man muss auch als Besitzer ehrlich sein bei der Beantwortung der Frage ob man der richtige Partner für das ausgesuchte Pferd ist, oder ob das Pferd unter Umständen Bedürfnisse (z.B. besondere psychische Ansprüche, haltungsbedingte Faktoren....) hat, die man gar nicht erfüllen kann.  Unter gewissen Umständen ist es langfristig gesehen ehrlicher und fairer dem Pferd gegenüber darüber nachzudenken, ob es nicht unter anderen Bedingungen (Stallwechsel, Herdenzusammenstellung, Besitzerwechsel...) besser aufgehoben wäre, Vertrauen überhaupt aufbauen zu können. Wenn "die Chemie" nicht stimmt, wird gegenseitiges Vertrauen schwer bis gar nicht aufzubauen sein.

 


 

 

 

 

Ich möchte nun das Thema weiterreichen an Sarah Lorenz von Verwandert , die mit ihrem Packpony Egon durch die Lande zieht und nominiere sie den nächsten Artikel über Vertrauen zu schreiben.

Ich freue mich von euch zu lesen!

Copyright Text & Bild: Daniela Schinko, Hippovital.at

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