"Motor" Hinterhand, "Schaltzentrale" Kreuzdarmbeingelenk


Das Kreuzdarmbeingelenk (Iliosakralgelenk, kurz ISG) bereitet vielen Pferden Probleme. Mit diesem Artikel möchte ich ein Verständnis für diese Struktur schaffen  um Problemen vorzubeugen.

Das Kreuzdarmbeingelenk


Die Kreuzdarmbeingelenke werden aus dem Becken und dem Kreuzbein gebildet.

Das Kreuzbein, bestehend aus den fünf Kreuzwirbeln, verknöchert beim Pferd erst circa im 5. Lebensjahr, und erst dann ist diese Struktur voll belastbar.

Betrachtet man das nebenstehende Bild, so wird die Sensibilität dieses kleinen Gelenkes deutlich. Gehalten wird dieses kleine Gelenk ausschließlich durch Bänder, eine direkt angeschlossene Muskulatur ist in diesem Bereich nicht gegeben.

 

In seiner Funktion jedoch, ist das Kreuzdarmbeingelenk die Verbindung zur Hinterhand und maßgeblich an der Kraftübertragung selbiger beteiligt.

 

Das Kreuzdarmbeingelenk besitzt also eine hohe Sensibilität, muss aber gleichsam Mobilität haben, also beweglich sein, um den Schub und die Kraft der Hinterhand  über den Rücken zur Vorhand weiter zu leiten.

Warum die Kraftübertragung blockiert

Störungen und Blockaden im ISG können unter anderem durch Traumen (Sturz), Überlastungssituationen, oder falsches Training entstehen.

Überlastungssituationen dieser Struktur entstehen durch entsprechend der späten Verknöcherung des Kreuzbeines wie der Hüfte im Alter zwischen 4-5 Lebensjahren, zu früh ins Training genommener Pferde, bei entsprechend zu frühem Anreiten, aber auch wenn außer Acht der biomechanischen Gegebenheiten gearbeitet wird.


 

Dabei laufen Pferde besonders Gefahr Schaden an dieser Struktur zu nehmen, die eine mangelhaft ausgeprägte Muskulatur, im Besonderem die der Hinterhand, aufweisen.


Kuhlen an der Hinterhand im seitlichen Bereich, sowie eine spitze, kantige Kruppe deuten immer auf eine unzureichend ausgeprägte Muskulatur hin, und dürfen keinesfalls als "sportliche Figur" bezeichnet werden.

 

Beim gerittenen Pferd deutet das stets auf eine vorhandlastige  Reitweise hin, beim Jungpferd mitunter auf allgemeinen Bewegungsmangel.

 



Schematische Darstellung der Beckengürtelmuskulatur
Schematische Darstellung der Beckengürtelmuskulatur


Wie eingangs erwähnt, erfolgt die Kraftübertragung der Hinterhand über das ISG und spielt somit auch bei der Versammlungsfähigkeit des Pferdes eine große Rolle.

 

Durch die Kontraktion der Psoasmuskulatur (Bild links) erfolgt das Steiler stellen, und somit das Abkippen des Beckens.

 

Demonstration der biomechanischen Vorgänge (Video rechts)

* das gezeigte Video dient ausschließlich der Demonstration des Abkippens und stellt keine Anleitung zum Nachmachen dar, sowie es keine Mobilisation im therapeutischen Sinne zeigt.


Wie äußern sich Blockaden im ISG?

 

Blockaden im ISG äußern sich beispielsweise durch:

  • verminderten Vorwärtsschub
  • Trittverkürzungen
  • Taktfehler bis zur Lahmheit
  • Beckenbewegung aus der Lende ist nicht mehr dreidimensional
  • Wirbelsäulenprobleme
  • das Pferd lässt sich nicht versammeln
  • Probleme beim Rückwärtsrichten
  • Probleme beim Handgalopp

In vielen Fällen ist aus den Blockaden resultierend ein Beckenschiefstand vorzufinden, der die gesamte Motorik des Pferdes beeinträchtigt und stört, da das Becken in dem Fall auf einer Seite höher gestellt ist als auf der anderen Seite. Durch diese einseitig veränderte Stellung des Beckens gerät auch die Lage des Oberschenkelknochens in eine unphysiologische Position, wodurch die gesamte Gliedmaße in eine Fehlstellung gezwungen wird. Diese Fehlstellung der gesamten Gliedmaße muss vom restlichen Körper kompensiert werden, sodass dieser Arbeiten verrichten muss wozu er nicht geschaffen ist (Überlastung der restlichen Strukturen).

 

Bei Verdacht auf ISG - Problemen ist es unabdinglich das Pferd einem Fachtierarzt für Osteopathie oder einem Physiotherapeuten vorzustellen, der diese knöchernen Blockaden löst. Bei allen Blockaden  gilt es der umliegenden Muskulatur besonderes Augenmerk zu schenken. Die, durch die entstandene Fehlbelastung entstandenen muskulären Verspannungen müssen in jedem Fall gelöst werden, ansonsten ist die vorangegangene Mobilisation durch den Therapeuten nicht von Dauer. Verspannte Muskulatur ist durchaus in der Lage selbst knöcherne Strukturen zu blockieren, wenn beispielsweise einseitiger Zug auf die Gelenke kommt.

 

 

Problemen vorbeugen

Darstellung der Kontraktion der Psoasgruppe      Bild: Lukas Erhart
Darstellung der Kontraktion der Psoasgruppe Bild: Lukas Erhart

Problemen an dieser empfindlichen Struktur ISG vorbeugen kann der verantwortungsbewusste Reiter am Besten durch gezielten Muskelaufbau der Hinterhand mit Hauptaugenmerk auf die innere Beckengürtelmuskulatur (Psoasgruppe, siehe Bild 3). Muskulus psoas major, minor und iliacus sind alle samt Beuger der Hüfte und verrichten auch in der lateralen Flexion (Seitwärtsbeugung) ihren Dienst. Eine gut ausgeprägte und funktionstüchtige Hinterhand im Sinne der Versammlungsfähigkeit und Lastaufnahme weist immer Rundungen auf  durch den Muskelzuwachs und nie Kuhlen oder knöcherne Vorsprünge!


Bild links: durch die Kontraktion erfolgt primär das Abkippen. Im weiteren Trainingsverlauf wird das Pferd lernen über die Serratusmuskulatur seinen Rumpf zu heben, wodurch eine natürliche Aufrichtung bei gleichsamer Beugung der Sprunggelenke resultiert. Zeit ist der wichtigste Faktor im anatomisch korrekten Pferdetraining, denn selbige braucht die Muskulatur, um sich ausbilden zu können.

Durch die Kontraktion der Psoas- und Bauchmuskulatur und dem Abkippen des Beckens kommt es zu einer Rahmenverkürzung des Pferdes, wodurch der Eindruck entsteht es wäre kürzer. (Bild links)

 

Da es sich hierbei um zusammenziehende Muskelarbeit handelt, muss das Pferd je nach Trainingszustand in Folge dessen stets in eine Rahmenerweiterung

(Bild rechts)  entlassen werden um Überlastungen der muskulären, wie knöchernen Strukturen zu vermeiden.


Abschließen kann nur einmal mehr die Wichtigkeit der anatomisch korrekten Gymnastizierung des Pferdes, durch die der Ausgleich der allgegenwertigen natürlichen Schiefe und somit die Geraderichtung erfolgt, betont werden.  Ein schiefes Pferd überlastet nicht nur seinen gesamten Organismus, sondern es ist auch in der Lastaufnahme der Hinterhand behindert. Gerade in Bezug auf diesen Artikel soll deutlich werden, dass eine gut ausgeprägte Muskulatur (Beckengürtel, Bauch, Kruppe...) viele Schäden an den knöchernen Strukturen (ISG) ausgleichen und verhindern kann.

Auch der Reiter selbst vermag durch eigene Beckenblockaden und Sitzfehler (Hohlkreuz) den Rücken des Pferdes so sehr zu blockieren, dass ein Abkippen des Beckens des Pferdes fast unmöglich wird. Das Becken des Reiters ist die Nahtstelle zum Pferderücken, und somit das Bewegungszentrum. Hier darf der Reiter also nur das vom Pferd erwarten, was er selbst biomechanisch zu geben vermag.

 

Jeder Pferdebesitzer nimmt durch seine Reit- und Arbeitsweise mit dem Pferd, aber auch über dessen Haltungsbedingungen Einfluss auf dessen Bewegungsapparat -

viele gesundheitliche Probleme und Beschwerden lassen sich somit vermeiden!

 

 

Copyright Text & Bild: Daniela Schinko, Hippovital

Ergänzend zum Artikel:

Über die Anatomie der Hinterhand, die Tragkraft und Versammlung

Versammlung von Christina von Herzenspferd

Trainingstage österreichweit und im benachbarten Ausland -Termine auf Anfrage.

 

Mail: info@hippovital.at

Tel: +43 (0) 664/ 503-26-33

 


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