Die Geraderichtung am Anfang der Pferdeausbildung

Frühe Geraderichtung - schonende Ausbildung

 Ich möchte in diesem Artikel aus meiner Sicht die Vorteile einer frühen Geraderichtung des Pferdes darstellen.

Zuvor ein Blick auf die sogenannte Skala der Ausbildung nach den Richtlinien der FN, welche besagt:

 

Skala der Ausbildung

 

 In der Skala der Ausbildung im Westernreiten wird aus:

  •  der Anlehnung die  Nachgiebigkeit,
  •  dem Schwung das aktivieren der Hinterhand,
  •  sowie aus der Versammlung die absolute Durchlässigkeit.

Im Jahre 2012 wurde die Skala der Ausbildung um den Punkt "Gleichgewicht" ergänzt, welcher im Zusammenhang mit der Durchlässigkeit zu stehen kommt.

 

  

Die Losgelassenheit

"Die Zwanglosigkeit in psychischer und physischer Hinsicht stellt die Basis der Skala der Ausbildung dar, ohne die die einzelnen Stufen nicht erreicht werden können" findet man in der Skala zu lesen.

 

Unter Losgelassenheit verstehe ich zum einen eine geistige Zwanglosigkeit und zum anderen, als medizinischen Aspekt, die Bewegung aus einer lockern, spannungsfreien und unverkrampften Muskulatur. Demnach beschreibt die Losgelassenheit einen psychisch und physisch völlig spannungsfreien Zustand.

Und so betrachte ich die Losgelassenheit als Fundament, auf das erst nach Erlangen weiterführend aufgebaut werden kann.

 

Für eine funktionelle Leistung der Muskulatur müssen die psychische und physische Losgelassenheit einher gehen. Ist das Pferd in seiner Psyche gestresst, wird sich das auf den Muskeltonus und den gesamten Muskelstoffwechsel negativ auswirken, da die Muskulatur in "vorgespanntem" Zustand nicht mehr in der Lage ist ihre volle Kraft auszuschöpfen und voll funktionstüchtig zu sein. Umgekehrt genauso bei bereits vorhandener körperlicher Überlastung.

 

Die Losgelassenheit ist die Voraussetzung für:

 

  • die Koordination.
  • die Beherrschung der Muskulatur.
  • die freie Atmung.
  • die individuelle Leistungsspitze.
  • die Schonung vor Selbstverschleiß.

 

Mehr zur Losgelassenheit des Pferdes

Die natürliche Schiefe

All die oben genannten Faktoren zur Losgelassenheit stehen wiederum in engem Zusammengang mit der natürlichen Schiefe des Pferdes, welche jedes Pferd in mehr oder weniger großem Ausmaß betrifft.

Das schiefe Pferd belastet je nach Definition seiner Händigkeit, das heißt, ob es ein "Rechtshänder" oder "Linkshänder" ist, die Körperbereiche der äußeren Schulter zur diagonalen inneren Hinterhand unphysiologisch. Am Beispiel des linkshändigen Pferdes, mit seiner hohlen rechten und steifen linken Seite, verlagert sich der Körperschwerpunkt von rechts hinten nach links vorne.

 

Mehr über die natürliche Schiefe in ihrer Definition, welche Auswirkungen sie auf den Pferdekörper hat und was man zum Ausgleich tun kann.

 

Die Auswirkungen der natürlichen Schiefe am Beispiel eines Linkshänders.
Die Auswirkungen der natürlichen Schiefe am Beispiel eines Linkshänders.

Die Zentrifugalkraft wirkt auf die Vorhand des Pferdes ein, was diese angesichts der von Natur aus gegeben Verletzungsanfälligkeit (keine knöcherne Verbindung zum Rumpf) einmal mehr belastet. Dabei wird der Körper nach außen getragen.

 

Die Scherkraft wirkt in der Bewegung auf die Hinterhand des Pferdes ein. Die Hinterhand des schiefen Pferdes muss ausscheren beziehungsweise kreuzen, was eine natürliche Form des Ausbalancierens des schiefen Pferdes bedeutet um Stürze zu vermeiden.

 

Als Hauptbelastungszonen lassen sich die Hals- und Brustwirbelsäule, der Schultergürtel, das Iliosakralgelenk, welches als "Dreh- und Angelpunkt" fungiert, und sämtliche an die Hinterhand des Pferdes angeschlossene muskuläre Verbindungen nennen.

Dazu kommt, dass die Sehnen und Bänder, abhängig von der Geschwindigkeit in der sich das Pferd bewegt, und je nach Größe des Kreisbogens mehr oder weniger starken Kräften ausgesetzt ist. Je kleiner der Zirkel, auf dem sich das schiefe Pferd in hoher Geschwindigkeit bewegt, umso mehr Belastung bedeutet das für den Organismus.

 

In der Gangbildanalyse weist die mehrbelastete Schulter zumeist eine Trittverkürzung auf, aus der wiederum ein allgemeiner Balanceverlust des Pferdes resultiert.

Das schiefe Reitpferd

Das schiefe gerittene Pferd wird je nach Definition seiner Händigkeit (Rechts- oder Linkshänder) auf seiner hohlen Seite schlechter auf den inneren Schenkel reagieren und auf seiner steifen Seite, der sogenannten Zwangsseite, die Zügelhilfe weniger gut annehmen können und zu dem zur Außenstellung im Halsbereich tendieren und sich im Genick verwerfen.

Aufgrund seiner Schwerpunktverschiebung wird das schiefe Pferd wenn es auf dem Zirkel geritten wird (dies betrifft selbstverständlich auch schiefe Pferde an der Longe!) auf seiner steifen Seite den Zirkel verkleinern weil es von seiner "Belastungsschulter" nicht weg möchte, und auf seiner hohlen Seite den Zirkel vergrößern weil die einwirkenden Scher- und Zentrifugalkräfte den Körper nach außen tragen.

 

Der Reiter wird das schiefe Pferd demnach mit erheblich mehr Einwirkung seiner Zügel- und Schenkelhilfen reiten müssen, als er das vergleichsweise bei einem bereits geradegerichteten Pferd tun müsste!

 

Es wären noch viele weitere Probleme gerittener schiefer Pferde zu nennen, wie beispielsweise der falsche Handgalopp. Ich möchte mich hier der Verständlichkeit wegen lediglich auf die Schulterpartie des Pferdes, und somit auf die "Lenkung" beziehen und zusammenfassen.

 

Schiefe bedeutet unter anderem:

 

  • ein verschleißträchtiges, unökonomisches Bewegungsmuster.
  • einen Balanceverlust. Gerade der Balanceverlust hat nicht nur eine körperliche, sondern auch eine enorme psychische Komponente. Balanceverlust bedeutet stets Stress, womöglich sogar Angst des Pferdes zu Sturz zu kommen, etwa wenn der Reiter im Zuge dessen falsch korrigierend einwirkt oder das eigene Ausbalancieren stört. Dazu kommt die körperliche Belastung den Balanceverlust auszugleichen, welcher wiederum zu Überlastungssituationen führt.
  • Einbußen der Losgelassenheit. (siehe Balanceverlust)
  • die schlechte Lenkbarkeit des Pferdes für den Reiter sind das Resultat aus dem Balanceverlust und der mangelnden Koordinationsfähigkeit.
  • das Anwenden von mehr, und stärkeren Hilfen des Reiters.

Geraderichtung

Zentraler Körperschwerpunkt.



Das geradegerichtete Pferd


  • hat seinen Körperschwerpunkt zentral.
  • fußt spurgetreu, das heißt, von vorne und von hinten ist jeweils nur ein Beinpaar zu sehen.
  • ist ausbalanciert.
  • bewegt sich ökonomisch.
Spurgetreues Fußen.

Neben der Gesundheitsvorsorge für das Pferd selbst ist der Ausgleich der natürlichen Schiefe, und somit die Geraderichtung unumgänglich, will man sein Pferd mit feinen Hilfen reiten. Durch die Geraderichtung und das Einstellen der Vorhand auf die Hinterhand, zurückkommend auf den Bezug der "Lenkung", bedeutet das, dass die Durchlässigkeit des Pferdes weit höher ist, und somit auch das Annehmen feiner Hilfen. Der Reiter braucht also zumindest weniger Zügel - und Schenkelhilfen einzusetzen.

 

Das geradegerichtete Pferd ist:

 

  • im Gleichgewicht und somit ausbalanciert.
  • frei in seiner Schulter, was eine leichte Lenkbarkeit mit sich bringt.
  • kann die volle Schub- und Tragkraft aus der Hinterhand entwickeln, ohne dass die Energie der Hinterhand durch die Schiefe seitlich "verpufft".

 

In meiner Pferdeausbildung steht die Geraderichtung des Pferdes an vorderster Stelle. Das Jungpferd wird bereits vor dem Anreiten soweit gerade gerichtet, dass Balanceprobleme und verschließträchtiges Laufen erst gar nicht auftreten, oder weitgehend minimiert sind. Dabei erfährt das Pferd vor dem Anreiten schon mittels gezielten Bewegung- und Mobilisationsübungen und dem Erlernen der ersten Seitengänge vom Boden aus eine Auszentriertheit, wodurch das Anreiten selbst sowohl für das Pferd, als auch für den Reiter erheblich erleichtert wird.

Diese geraderichtende Arbeit setzt sich ein Pferdeleben lang fort und soll zur täglichen Aufgabe gehören, zumal sich die ursprüngliche Definition der Schiefe im Zuge der weiteren Ausbildung umkehren kann. Das heißt, ein zuvor rechtshändiges Pferd kann durchaus im Laufe der Zeit zum Linkshänder tendieren, und erfordert dann andere Trainingsansprüche.

 

Unter diesen Gesichtspunkten betrachte ich es nicht nur als sinnvoll sondern nötig, die Geraderichtung nicht an das  nahende Ende, sondern den Anfang der pferdegerechten Ausbildung zu stellen. Wenn man betrachtet, wann Seitengänge am Turnier gefordert sind, und wo die Geraderichtung in der Skala zu stehen kommt, dann gibt mir selbige zu denken, soll sie doch für ein besonders pferdefreundliches System stehen. Auch stellt sich die Frage, ob bei der Geraderichtung im Sinne der FN denn in der Tat der Ausgleich der natürlichen Schiefe gemeint sein kann, wenn selbst ambitionierte Turnierreiter oft sehr wenig darüber wissen...

 

Die Seitengänge sind nicht nur der Schlüssel zur Geraderichtung, sondern allgemein dem Pferdekörper von großem gymnastischen Wert. Durch die erlangte Beweglichkeit, das Entlasten der sensiblen Vorhand und das Fördern der Tragkraft der Hinterhand kommt das Pferd automatisch in eine höhere Bereitschaft zur Losgelassenheit weil es bereits gelernt hat seinen Körper entsprechend ökonomisch einzusetzen. All diese Faktoren werden sich auch in der psychischen Losgelassenheit wieder spiegeln.

 

 

 

Mehr zum Thema Gymnastizierung des Pferdes, Ausgleich der natürlichen Schiefe und Seitengänge findet ihr unter Anderem in meinem Buch


Geraderichtung durch Seitengänge
Bild: Lukas Erhart - Fotografie

 

 

Die Vorteile der frühen Geraderichtung des Pferdes liegen klar auf der Hand, und ich kann abschließend nur einmal mehr die Wichtigkeit betonen und auch all jenen Mut zu sprechen sich an das Thema heran zu tasten, die sich bisher damit noch nicht beschäftigt haben.

Viele sogenannte "Freizeitreiter" betrachten die Dressur lediglich als Lektionen am Turnier und versuchen die mangelnde Gymnsatizierung ihrer Pferde zu rechtfertigen, dass sie keine Turnierambitionen haben.

 

Die Geraderichtung dient dem Pferdekörper und der Möglichkeit zur feinen Hilfengebung!

Copyright Text: Daniela Schinko, Hippovital, Bilder: Daniela Schinko, Hippovital, Lukas Erhart - Fotografie


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