Über 4 häufige Sitzprobleme und den Fluch oder Segen der Steigbügel.


Locker am Pferd zu sitzen ist unerlässlich, will man sein Pferd nicht im Rücken stören, es aus der Balance bringen, oder ihm gar Schmerzen zufügen. Ein "Lehrbuchsitz nach Schema F" kann jedoch keinesfalls als Norm gelten, da jeder Mensch seine anatomischen Individualitäten aufweist. Vielmehr bedarf es der eigenen Mobilität, sich auf die Bewegungen des Pferdes einlassen zu können, und diese nicht zu stören. Wie beim Pferd auch, arbeitet die menschliche Muskulatur in Ketten und hat Auswirkungen auf den gesamten Körper.

 

Neben der eigenen Beweglichkeit spielt die Losgelassenheit des Reiters eine große Rolle. Nur wer selbst psychisch und physisch los lässt, also frei von jeglichen Spannungen ist, wird auch sein Pferd zur Losgelassenheit führen können.

Mangelnde Losgelassenheit des Reiters kann etwa durch (selbst auferlegten) Leistungsdruck entstehen, durch Ängste, falsche Atmung, oder schlicht weg, durch zu "kopflastiges" Reiten.


  • Bei jeder Form von Leistungsdruck kann ich nur raten, sein auferlegtes Pensum zumindest bis dahin zurück zu schrauben, wo der Spaß und die Freude an der Arbeit mit dem Pferd im Vordergrund ist, und stets für die Augen seines Pferdes zu reiten.
  • Bei Ängsten muss man der Ursache auf den Grund gehen, und es empfiehlt sich einen ausgebildeten Mentaltrainer hinzu zu ziehen. Auf Herzenspferd gibt es einen lesenswerten Artikel zum Thema Angst.
  • Falsche Atmung entsteht etwa wenn Reiter zu flach atmen, oder aus Konzentration heraus selbige sogar sehr minimieren und förmlich die Luft anhalten. Lachen, sprechen oder singen hilft regelmäßig zu atmen und trägt zur eigenen Losgelassenheit bei.
  • Bei zu "kopflastigem" Reiten, besteht die Gefahr, dass das harmonische Zusammenspiel zwischen Pferd und Reiter verloren geht aufgrund der Mechanik.  Eignet man sich bevor man in den Sattel steigt schon ein gutes theoretisches Wissen über den Bewegungsablauf, die Hilfengebung und das erwünschte Resultat an, handelt man viel mehr nach Gefühl und muss am Pferd, innerhalb der Übung, nicht mehr nachzudenken, warum man was tun muss.

Die menschliche Wirbelsäule weist eine S-Form auf. Somit ist ein "natürliches Hohlkreuz" völlig normal. Würde man nun sein Becken nach hinten kippen, um dieses vermeintliche natürliche Hohlkreuz zu korrigieren, stellt sich der Bereich der Lendenwirbelsäule gerade und verhindert aufgrund der eigenen Versteifung ein lockeres Mitschwingen mit der Bewegung des Pferderückens. Wird das Becken jedoch nach vorne gekippt, entsteht ein künstliches Hohlkreuz.

 

Im künstlichen Hohlkreuz gerät das Becken nach vorne und die für den ausbalancierten Reitersitz so wichtige "3-Punkt-Zone", bestehend aus den Schambeinästen und Sitzbeinhöckern ist nicht mehr gegeben, da der Reiter vermehrt auf dem Schambein zu sitzen kommt.

Das Resultat ist unter anderem:

  • der Balanceverlust.
  • die eingeschränkte Beweglichkeit der Schulterregion, des Beckens und aller Gelenke am Bein des Reiters.
  • eine oberflächliche Brustatmung.

Viele Reiter geraten in ein künstliches Hohlkreuz, wenn sie besonders schön am Pferd sitzen möchten, oder sich aus einer psychischen Komponente heraus "leicht" machen möchten am Pferd. Ein bewusst machen der Lage seiner eigenen Gelenke und entsprechende Gymnastik, die das künstliche Hohlkreuz ausgleicht, sind unerlässlich um die eigenen daraus resultierenden Verkürzungen der Muskulatur zu lösen. Bemerkt man während des Reitens ins Hohlkreuz zu geraten, hilft oft eine Pause einzulegen, den Rücken einmal übertrieben zu runden. Das innere Bild, beispielsweise eine zu enge Jeans zuzumachen, kann helfen, das Becken aus dem Hohlkreuz in eine Normalposition zu bringen. Aus dieser Position heraus richtet man sich wieder auf, mit dem Bewusstsein im Sattel einzusitzen und Platz zu nehmen.


Sitzt man auf dem Pferd, muss man sich der aus der aufrichten Haltung des Oberkörpers ausgehenden Hebelwirkung auf das Pferd bewusst sein. Diese Hebelwirkung des Oberkörpers überträgt physikalische Kräfte unmittelbar auf das Pferd, da dieses in seinem eigenen Gleichgewicht beeinflusst wird. Aus der stabilen Mittelpositur heraus kann der Reiter sein Pferd etwa durch vorverlegen seines Körperschwerpunktes zu mehr Aktion verleiten, durch zurück nehmen seines Körperschwerpunktes mehr auf die Hanken setzen, sowie die Schwerpunktverschiebung bei Reiten von Seitengängen eine große Rolle spielt.

Instabilität des Rumpfes und Oberkörpers bringen einen unausbalancierten und förmlich schlaksigen und schwankenden Sitz mit sich. Hier geht nicht nur die Eleganz zu Pferde verloren, sondern auch die Möglichkeit aus einer stabilen Mittelpositur heraus zu reiten. Die Ausrichtung seines Oberkörpers, und somit seines eigenen Körperschwerpunktes muss immer mit dem Körperschwerpunkt des Pferdes im Einklang sein.

Instabilität hat oft seine Ursache in muskulärer Schwäche des Rückens, im Besonderen der Rumpf- und Beckenbodenmuskulatur des Reiters, wobei die oberflächlichen Muskeln für die Haltung verantwortlich sind und die der tiefen Muskelschichten für die Feinmotorik. Neben gezielter Stärkung dieser Regionen, etwa mittels Joga, Pilates oder auch Krafttraining hilft es, sich das Bild eines Kentaurs vorzustellen um den eigenen Schwerpunkt mit dem des Pferdes anzugleichen beziehungsweise ein geistiges Lot aus deiner Körpermitte fallen zu lassen. Auch die Vorstellung, ob man zum Stehen kommen würde, würde man dem Reiter das Pferd unter sich weg nehmen ist hilfreich bei der Selbstkorrektur.


Das lange Bein ist charakteristisch für das Dressurreiten und das Resultat einer lockeren Hüfte, welches sich im Zuge der eigenen Beweglichkeit selbst ergeben wird.


Das hochgezogene Knie entsteht, wenn das Bein nur aus dem Unterschenkel heraus zurück genommen wird und nicht aus der Hüfte heraus. Vielfach ein Fehler beim Angaloppieren des Pferdes oder beim Reiten von Seitengängen, wie hier im Bild im Kruppeherein.

Dabei blockiert der Reiter in jedem Fall seine Hüfte, sowie die Flexibilität des Fußgelenkes und behindert zu dem den Bewegungsfluss des Pferdes. Aus dieser Position wird der Reiter vermehrt Spannung ins Bein bringen, und verhältnismäßig mehr Schenkeldruck auf das Pferd ausüben. Das beruht auf einer minimierten Auflagefläche des Beines an sich, wogegen das aus der Hüfte geöffnete Bein das Pferd umschließt und direktere Einwirkung zulässt.

Das Bewusstsein, aus der Hüfte heraus zu reiten, und nicht aus den Beinen ist unerlässlich bei der Selbstkorrektur. Dazu kommt, erst das Bein zu lockern in dem man es kurz hängen lässt und seine Fußgelenke kreist, sich selbst im Sattel wieder zentriert und den Steigbügel wieder aufnimmt.

 

Das Reiten ohne Steigbügel - Fluch oder Segen?

Das Reiten ohne Steigbügel bringt den Vorteil, seine Balance zu schulen. Einem dauerhaften Verzicht auf die korrekte Verwendung der Steigbügel blicke ich jedoch skeptisch gegenüber, da er aus meiner Sicht mehr Nachteile als Vorteile bringt.

 

Das Bein kann sich ohne Steigbügel zwar gut strecken, was eine gute zwischenzeitige Korrekturmaßnahme sein mag, allerdings kann die Elastizität der Gelenke (Hüfte, Knie- und Fußgelenke) nicht wirken. Die Gelenke versteifen aus dieser herabhängenden Position des Beines eher sie elastisch und beweglich sind.

Eckart Meyners, ein bekannter Bewegungstrainer, verdeutlicht dieses Versteifen des Beines anschaulich durch folgende Übung. Man stellt sich hin und hebt die Zehenspitze wie es der Reitersitz erfordert, und versucht aus dieser Position sein Bein zu schütteln. Man wird feststellen, wie fest das Bein ist. Diese gewohnte Festigkeit macht es vielen Reitern schwer, sich nach langer Zeit ohne Steigbügel auf das Reiten mit Steigbügeln umstellen zu können.

 

Der Steigbügel dient der Federung der Gelenke darf aber keinesfalls zur "Sitzkrücke" werden, in dem er etwa dem Abstützen des Körpergewichtes dient. Dabei gilt es neben der korrekten Steigbügellänge auch die jeweils korrekte Position der Trittfläche zu beachten, um diese Federung der Gelenke nicht zu behindern. Der Sattel an sich muss selbstverständlich nicht nur dem Pferd, sondern auch dem Reiter passen. Besonders wichtig dabei ist auch die Lage der Steigbügelaufhängung. Bei vielen Westernsätteln befindet sich die Steigbügelaufhängung oft im Verhältnis zum tiefsten Punkt des Sitzes zu weit vorne, was den Reiter in einen Stuhlsitz bringt und es somit unmöglich macht seine Gelenke untereinander anzuordnen und zentriert zu sitzen da seine Beckenmobilität eingeschränkt ist.

 

Die Länge der Steigbügel ist nicht unabänderlich, sondern soll dem reiterlichen Niveau, der Anatomie des Reiters und des Übungspensums variabel angepasst werden.

Ein zu langer Steigbügel bringt des Reiter aus der Balance ( Reitanfänger) und blockiert seine Gelenke, wodurch die Hilfengebung leidet. Wogegen ein entsprechend kürzerer Steigbügel für ein stabiles Gleichgewicht sorgt und den Absatz so unter dem Gesäß platziert, dass das Bein eine korrekte Schenkellage hat.

 

Als Faustregel gilt, dass der Steigbügel die richtige Länge hat, wenn er sich bei hängendem Bein 3-4cm über dem Absatz befindet.



Die korrekte Position der Trittfläche des Steigbügels befindet sich unter den Fußballen, wogegen viele Reiter ihre Bügel viel zu weit vorne platzieren. Wird der Bügel vermehrt mit dem vorderen Bereich der Ballen und Zehen aufgenommen, kippt der Unterschenkel nach hinten und der Absatz ist nicht mehr unter dem Gesäß. Dadurch gerät der Sitz allgemein in eine Instabilität, da der Körperschwerpunkt des Reiters nicht mehr zentral liegt.


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"Der Musiker wird, bevor er sein Instrument gebraucht seinen Fingern die erforderliche Geschmeidigkeit und Beweglichkeit aneignen müssen; desgleichen kann der Reiter sein Pferd nicht zu Gängen und Evolutionen zwingen wollen, zu denen er es nicht vorbereitet hat.

(Francois Baucher)


Aus diesem Zitat heraus, sollte es zur Pflicht jedes Reiters werden sein Becken als Nahtstelle zum Pferderücken, und somit zum Bewegungszentrum, zu betrachten. Der Reiter darf also nur das vom Pferd erwarten, was er selbst biomechanisch zu geben vermag.



Copyright Text & Bild: Daniela Schinko, Hippovital



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