Wenn das Pferd im Vorwärts klemmt - das verhaltene Pferd

 

Wenn das Pferd im Vorwärts klemmt, bedeutet das, dass das Pferd entweder nicht anders laufen kann, oder von Seiten des Ausbildners nicht anders laufen darf.

Beide Punkte sind dahingehend eng miteinander verbunden, das ein Pferd, welches im Verhältnis zu seinem Körperbau (dem Exterieur) von Seiten des Ausbildners im Arbeitstempo zu langsam gearbeitet wird, bald auch nicht mehr anders kann.  

 

Es fehlt an Schwung in der Bewegung, es fehlt an Energie. Das sind die Punkte, die dem Pferdebesitzer zumeist auffallen. Was ein zu "untertouriges" Arbeiten für negative Folgen für die Muskulatur und alle daran angeschlossenen Strukturen des Pferdes mit sich bringt, möchte ich an dieser Stelle in groben Zügen darstellen.

 

Ursächliches aus der Bewegungslehre

 

 

 

 

 

Durch das entgegen des Körperbaus zu langsame Grundtempo verkürzt das Pferd die Bewegungsamplitude.  

Sowohl Vorhand, als auch Hinterhand sind im Vor- und Zurückschwingen (Protraktion und Retraktion) eingeschränkt, und das Pferd kann sein volles Bewegungsausmaß nicht mehr ausschöpfen.

 

 

Schematische Darstellung der myofaszialen Verkürzungen beim Pferd
Schematische Darstellung der myofaszialen Verkürzungen

 

Durch das eingeschränkte Bewegungsausmaß verkürzt sowohl die dorsale (obere) als auch ventrale (untere) Muskelkette.

 

Im Trab beispielsweise verkürzen - vereinfacht dargestellt - die Hüftbeuger- und Strecker, die innere Beckenbodenmuskulatur welche in Verbindung mit der äußeren schiefen Bauchmuskulatur die Hinterhand des Pferdes im Raumgriff einschränkt und das optische Bild des "Zackelns und Klemmens" vermittelt.

Aufgrund der myofaszialen Verkürzungen der schiefen Bauchmuskulatur gerät infolge die seitliche Rückenmuskulatur und der gesamte Schultergürtel des Pferdes unter Spannung, wodurch sich der Raumgriff der Vorhand automatisch verkürzt. Besonderes Augenmerk muss dabei der Brustwirbelsäule geschenkt werden. Sie sinkt zwischen den Schulterblättern ab und bringt das Pferd in ein Hohlkreuz, welches wiederum den langen Rückenmuskel und den geraden Bauchmuskel, welcher maßgeblich am Heben des Rückens beteiligt ist, in seiner Funktion stört.

Klammer Gang und schwingen im Rücken schließen sich gegenseitig aus!

 

 

Für den klammen Gang des Pferdes sind hauptsächlich zwei Ursachen ausschlaggebend - mangelnde Losgelassenheit, und seinem Exterieur und der  Anatomie entsprechend falsche (Grund-)Ausbildung.

Die mangelnde psychische Losgelassenheit wird stets physische Auswirkungen haben, und dabei spielen die den gesamten Körper, und auch die Muskulatur, umgebenden Faszien eine wichtige Rolle. Die Spannung der Faszien steht unter Einfluss des unbewussten, autonomen Nervensystems und geht eine enge Verbindung mit dem Sympathikus ein, welcher aktiv wird wenn das Pferd auf "Aktion" (Training, Flucht...) eigestellt ist.

Die Muskelspannung wird also über die Faszien, eine bindegewebige Vernetzung des gesamten Körpers, geregelt.

Die natürliche Schiefe des Pferdes, unphysiologische Hufbearbeitung und unpassende Ausrüstung sind nur einige Beispiele, die die sensiblen myofaszialen Verbindungen unter Zwang setzen, und allesamt negative Folgen für diese Strukturen haben.

 

Ein weit verbreitetes Problem in der Ausbildung der Pferde besteht von Seiten der Ausbildner selbst, nämlich dann, wenn "langsam" mit "versammelt" gleichgesetzt, oder gar verwechselt wird. Was die Muskulatur des Pferdes im Weitesten Sinne in Versammlung leisten muss, kann jeder selbst testen indem er in eine leichte Kniebeuge geht, und in dieser Haltung versucht am Reitplatz zu laufen. Bei den Meisten wird insbesondere die Oberschenkelmuskulatur sehr bald zu brennen beginnen. Das unzureichend trainierte Pferd fühlt genau so!

 

Versammlung ist das Resultat aus der elastischen Beugung ("Sprungfeder") aller Gelenke, welche erst durch entsprechende myofasziale Tätigkeit möglich ist, genau so wie Versammlung immer mit Schwung und Energie in Verbindung steht. Jedes reell versammelte Pferd wird, wenn es aus der Versammlung heraus kommt, ein energisch abfußendes Vorwärts zeigen, welches stets als Überprüfung der Versammlung dient

.

Ein lediglich untertourig langsam gearbeitetes Pferd macht sich am Deutlichsten in einem abgesackten Rumpf zwischen den Schulterblättern, dem damit verbundenen durchhängenden Rücken und der flach gestellten Hüfte bemerkbar. Eine aus den Gelenken kommende elastische Bewegung ist hier nicht möglich.

 

Lösungswege

Um das Pferd nun aus dem "Klemmen" heraus zu führen, muss der Ausbildner erst die an den Faszien und der Muskulatur entstandenen Verklebungen und Verkürzungen lösen, und diese Strukturen aus der Verspannung führen. Ein Umstellen der Arbeitsweise von jetzt auf gleich wird für das Pferd mitunter sehr schmerzhaft sein, da allein die Verhärtungen der Faszien die Beweglichkeit der Gelenke einschränken, und so ist behutsame Arbeit mit dem Fokus auf das Ziel angeraten.

 

Der klamme Gang beschreibt sich weiter im "sich Verhalten" und "nicht Loslassen" des Pferdes. Daraus muss für den Ausbildner die erste Zielsetzung Ruhe ins Pferd zu bringen, und die psychische und physische Losgelassenheit wieder herzustellen sein.

 

Zusammenfassend lässt sich der Weg der Wiederherstellung eines dem Exterieur des Pferdes entsprechenden Grundtempos  in 3 Schritten ansatzweise darlegen:

  1. Die myofaszialen Strukturen entspannen => aus dem Faszientraining resultiert der Einfluss auf das autonomen Nervensystem
  2. Aus Schritt 1 entsteht die Dehnungsbereitschaft der Strukturen die unerlässlich ist für die weiterführende Arbeit
  3. erst nach erlangen der Dehnungsbereitschaft, kann die eigentliche "Erziehung" zu Vorwärts stattfinden. Dabei gilt es besonders die eigene Hilfengebung, sowie die Arbeits- und Reitweise kritisch zu betrachten. Vielen Pferden wurde der Vorwärtsimpuls schlicht weg abtrainiert. Beispielsweise aus falsch verstandener Auffassung des Begriffes "Versammlung", aus immer wiederkehrendem, strafenden Rückwärtsrichten,  aus Angst vor einem vermeintlichen Kontrollverlust, oder wenn das Pferd schlicht weg abgestumpft wurde.

 

Das Vorwärts stellt eine Geisteshaltung des Pferdes dar, welche auch im Rückwärts vorrangig zu spüren sein muss und hat mit "laufen" nicht unbedingt zu tun.

 

Das Vorwärts ist der Wille des Pferdes der seine Freude an der Bewegung zeigt und ihm den Glanz verleiht, der uns Pferdefreunde verzaubert.

 

 

 

"Calme, en avant, droit"  - "Gelassen, Vorwärts, Gerade"

(L`Hotte)

 

 

 

Text & Bild: Copyright Daniela Schinko, Hippovital.at

 

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