Zielgerichtetes Pferdetraining - für mehr Mobilität, Vitalität und Motivation

In den Sattel schwingen und los geht es?

Zum Aufwärmen die üblichen 10 - 20 Minuten Schritt am langen Zügel, Runde um Runde der Reitbahn entlang. Eine gute Gelegenheit für den Reiter in der Gegend herum zu gucken, zu telefonieren, oder sich mit anderen Reitern in der Bahn zu unterhalten...

Nach der Aufwärmphase folgt eine halbe Stunde Leichttraben, schön den Hufschlag entlang mit einigen Handwechseln über die Diagonale. Nun ist das Pferd bereit für den Galopp, - ein bisschen "müde machen" bevor die "Arbeit" richtig los geht:

Hufschlagfiguren reiten, "zirkeln", Übergänge -weiß man, sind wichtig! - doch wie diese ganzen Übungen sinnvoll und zielgerichtet auf das eigene (Trainings-) Pferd umgelegt werden, daran denken viele Reiter nicht.

So geritten, ist die Übungseinheit viel mehr ein reines Bewegen des Pferdes, als dass sie ein zielgerichtetes Training darstellt.

 

Zielgerichtetes Pferdetraining bedeutet unter Anderem:

Die Muskulatur des Pferdes auszubilden, es systematisch feiner und durchlässiger, schöner und anmutiger, aber auch leistungsbereiter zu machen.

 

Tipps für die Trainingseinheiten

Viele Reiter haben mittlerweile einen gewissen Trainingsplan. Dieser Plan ist aber meist sehr "Lektionen bezogen". Aus meiner Sicht soll ein Trainingsplan vorrangig 3 Ziele haben:

  • die Beweglichkeit des Pferdes zu fördern,
  • zunehmende Leichtigkeit erlangen,
  • das individuelle Leistungspotenzial ausschöpfen.

So gesehen, definiert sich zielgerichtetes Pferdetraining mitunter jeden Trainingstag neu.

Erkennt man die momentanen Defizite, - wo sind HEUTE die Defizite in der Beweglichkeit? - ergeben sich die Lektionen oft aus dem vorangegangenen Training von selbst.

 

 

Aufsteigen, innehalten, ins Pferd hinein hören und verweilen!

Jedes Pferd kann einmal sprichwörtlich mit dem falschen Fuß aufgestanden sein, sich verlegen haben, oder ungeschickt aufgestanden sein. 

Biegeübungen im Stand  etwa, geben Aufschluss über etwaige Blockaden aber auch über die Bereitschaft zur Nachgiebigkeit.

Schulterherein und Kruppe herein im Stand abgefragt sind  kleine Schwerpunktverschiebungen, die ich gerne nutze um die Durchlässigkeit zu überprüfen. Tut sich das Pferd schwer, in eine Richtung seinen Schwerpunkt zu verlagern, gibt das schon einen Hinweis wo das Pferd blockiert. Ist es die Schulter oder ist es die Hüfte, wo braucht mein Pferd heute Hilfe...?

Ist beispielsweise die Schulter fest, werde ich analysieren wo das Problem sitz - ist die Vorhand am Vorschwingen beeinträchtigt, oder am Zurückschwingen, kann sich eventuell der Widerrist nicht aus der Schulter heben, blockiert eventuell das Brustbein..?

Und darauf hin werde ich meine darauffolgende Arbeit ausrichten um das Pferd zu lösen.

Das sollte veranschaulichen, warum ein Plan nicht allgemein gültig verfasst werden kann - man muss wissen, wo der Defizit beim jeweiligen Pferd sitzt um ihn individuell zu lösen - zielgerichtet und schnell.

Je länger ein Pferd Bewegungseinschränkungen und Defizite mit sich trägt, umso mehr Sekundärreaktionen wird es geben. Im schlimmsten Fall kann sich ein falsches, ungesundes Bewegungsmuster installieren.

Bedenke immer, dass ein allgemein gegebener Trainingstipp von außen Dir zwar helfen kann, aber auch genau das Gegenteil bewirken kann - ein Grund, warum ich in meinen Publikationen damit sehr vorsichtig umgehe.

 

Nimm Dir Zeit bevor Du los reitest um 

  • mental eins zu werden mit Deinem Pferd,
  • hinein zu fühlen,
  • und Schwachstellen zu erkennen!

 

Definiere die Händigkeit des Pferdes - Ist das Pferd ein Rechtshänder oder Linkshänder? 

Linkshänder Pferd natürliche Schiefe
Rechtshänder Pferd natürliche Schiefe

Die sogenannte natürliche Schiefe des Pferdes bringt immer

  • ein verschleißträchtiges, unökonomisches Bewegungsmuster,       
  • einen Balanceverlust,  
  • Einbußen der Losgelassenheit,  
  • die schlechte Lenkbarkeit des Pferdes und mangelnde Koordinationsfähigkeit,   
  • das Anwenden von mehr, und stärkeren Reiterhilfen
mit sich und kann sich im Trainingsverlauf durchaus umkehren.
Auch hier gilt, das Training individuell nach dem momentanen Bedarf auszurichten.

Die natürliche Schiefe ist von Pferd zu Pferd unterschiedlich - mal mehr, mal weniger offensichtlich - ausgeprägt.

 

Betrachtet man das Pferd auf der Geraden von hinten (Bild rechts), ist die natürliche Schiefe gut erkennbar. Das Pferd rechts fußt schief. Noch deutlicher wird die Schiefe, wenn das Pferd, wie links im Bild, am Kreisbogen läuft. Hier stützt sich das Pferd auf seine linke Schulter und schert mit der Hinterhand aus.

Beide Pferde sind sogenannte Linkshänder.


Ist die Händigkeit definiert ,gilt es in erster Linie die verkürzte Muskulatur auf der hohlen Seite kontinuierlich zu dehnen. Dafür eignen sich Biegeübungen an der Hand, oder auch unter dem Sattel. Achte darauf, dass die Dehnung sanft erfolgt! Biegst Du beispielsweise Dein Pferd im Stand und es weicht mit der Hinterhand aus, dann war die Biegung entweder zu schnell ausgeführt oder für den momentanen Zustand des Pferdes zu viel. Schraube hier Deine Anforderung zurück, und biege das Pferd so, dass zwar eine Dehnung der Muskulatur erreicht wird, das Pferd aber keine Ausgleichsbewegungen machen muss.

 

Seitengänge sollen überlegt gearbeitet werden! Sie dienen dem Ausgleich der natürlichen Schiefe und fördern insgesamt die Beweglichkeit des Pferdes. Ein linkshändiges Pferd beispielsweise, das von selbst schon eher die Kruppe rechts nach innen wirft und somit eine traversartige Stellung (auch "Galoppstellung") anbietet, werde ich unter Umständen nicht noch im Travers rechts sonderlich fördern - es ist genau das, was das Pferd aufgrund seiner Schiefe bereits mitbringt. Viel mehr werde ich dieses linkshändige Pferd vermehrt im Schulterherein links reiten um seine festere, links Schulter zu lösen, und Travers links reiten um die verkürzte rechte Seite insgesamt zu lösen. Auf der rechten Hand würde ich das linkshändige Pferd eher im Renvers reiten, und im Schulterherein achtsam sein, dass sich das Pferd nicht überbiegt (Kontrolle mit dem Außenzügel!)

 

Kondition und psychische Verfassung

Der Begriff Kondition wird oft damit in Verbindung gebracht, wie lange ein Pferd durch hält. Viel mehr ist Kondition aber die Summe aus:

  • Beweglichkeit
  • Schnelligkeit
  • Kraft
  • Ausdauer
Diese Faktoren stehen in engem Zusammenhang mit einen funktionierendem Muskelstoffwechsel, sind aber auch zum Teil genetisch verankert. Je nachdem welchem Muskelfasertyp das Trainingspferd vorrangig angehört, wird auch sein Leistungsvermögen angelegt sein.
Allgemeines Wissen: In der Muskulatur des Pferdes befinden sich unterschiedliche Fasern, die unterschiedlich arbeiten und für das Training von großer Bedeutung sind.

 

Rote Muskelfasern, sogenannte "slow twitch Fasern" arbeiten langsam und sind auf Dauerleistung ausgelegt.

Weiße Muskelfasern, sogenannte "fast twitch Fasern" arbeiten schnell, ermüden aber auch schnell.

    

Vereinfacht ausgedrückt, ist das eine Pferd aufgrund seines vorrangig vorherrschenden Muskelfasertyps eher auf "explosive" Leistung ( zum Beispiel das Quarter Horse) ausgelegt, hat aber wenig Ausdauer und ermüdet schnell. Das andere Pferd wiederum ist aufgrund seines vorrangig vorherrschenden Fasertyps eher auf Dauerleistung  ausgelegt, wie zum Beispiel Araber Pferde.

Innerhalb dieser Muskelfasertypen gibt es weitere Unterteilungen die in der Trainingstechnologie eine wichtige Rolle spielen, da die jeweiligen vorherrschenden Fasern im Training unterschiedliche Anspannungszeiten benötigen um Kraftzuwachs zu erfahren.

Durch entsprechendes Training können die Muskelfasern bis zu einem gewissen Grad umgewandelt werden. Ein Quarter Horse beispielsweise kann auf Ausdauer trainiert werden, jedoch wird ein Kaltblutpferd nie ein guter Galopper werden. So bestimmt die Genetik mitunter auch die Trainingstechnologie. 

 

Im täglichen Training gilt es also nicht nur die allgemeinen Faktoren,- den Muskelstoffwechsel und den Muskelfasertyp - zu beachten, sondern auch die Tagesverfassung des Pferdes.

Die Leistungsbereitschaft und kontinuierliche Leistungssteigerung unterliegt immer auch gewissermaßen dem Biorhythmus des Pferdes. Jedes Lebewesen hat im Laufe des Tages seine Energiespitzen und Phasen wo die Leistungsbereitschaft abfällt, so auch das Pferd. Ich kann nur jedem raten, an einem freien Tag einmal sein Pferd still zu beobachten, sollte er den natürlichen Rhythmus seines Pferdes aus Ruhephase und Aktivitätsbereitschaft nicht kennen. Wenn das Pferd beispielsweise um 19h gerade seinen Energiehaushalt herunter gefahren hat, der Reiter aber gerade da von der Arbeit kommt und reiten möchte, wird das Pferd konditionell nicht das an Beweglichkeit, Schnelligkeit, Kraft und Ausdauer geben können, wie vielleicht ein paar Stunden davor. Hier ein "starres" Programm durchzuziehen wäre meiner Meinung nach weder fair zum Pferd, noch sonderlich effektiv. Auch hier gilt wieder, ins Pferd hinein zu hören und die eigene Motivation des Pferdes anzunehmen. Kaum ein Pferd wird sich auch im Ruhemodus gänzlich der Arbeit verweigern, und so gilt es zu sehen, was das Pferd anbieten möchte um die Motivation hoch zu halten.

Das Selbe gilt auch für schon sehr "gehfreudige" Pferde. Oft möchten die Pferde von selbst angaloppieren und der Reiter beharrt auf die langsamere Gangart, schließlich geht es dabei um den Gehorsam, so eine weitverbreitete Meinung. Der Reiter hängt im Zügel, das Pferd ist "zackelig" und verspannt sich immer mehr. Je mehr das Pferd sich verspannt, umso mehr Kraft wird der Reiter anwenden müssen - beides kein schöner Anblick und nicht im Sinne des Pferdes.

 

Die Gehfreude des Pferdes darf aus meiner Sicht nie unterbunden werden, sehr wohl aber vom Reiter in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Wenn die Gehfreude zum Beispiel aus der Ausdauer des Pferdes resultiert, werde ich Krafttraining daraus machen. Ich nehme also den (im Beispiel angebotenen) Galopp gerne an, und lasse das Pferd galoppieren. Aber ich galoppiere dann nicht Runde um Runde, sondern ich fordere im Galopp beispielsweise einen Seitengang. Dadurch muss sich das Pferd mehr tragen, und kommt  von selbst aus dem Schub und der Schnelligkeit. Da ein Seitengang stets gewissermaßen bremsend wirkt, wird hier schon einem etwaigem Kontrollverlust (immer schneller werden im Galopp) vorgebeugt. Dazu kommt, dass es dem Reiter erlaubt, fein zu bleiben und nicht über den Zügel zu bremsen.

 

Jede Gangart kann, je nachdem wie sie geritten wird, entweder Ausdauer- oder Krafttraining für das Pferd bedeuten und eher die Schnelligkeit oder Beweglichkeit des Pferdes fördern. Überlege Dir was Du mit welcher Anforderung an Dein Pferd erreichen möchtest und was sie bewirkt - grundsätzlich, und in jeder Situation!

 

 

 

Abschließen noch ein Beispiel,  zum Aufwärmen am langen Zügel:

  • gerade Linien

Was bewirkt die Übung? Sie fördert das ausbalancierte Laufen und die Geraderichtung des Pferdes, dient dem Minimieren der Reiterhilfen und als kleine Sitzschulung, motiviert das Pferd, fördert das Vertrauen zwischen Pferd und Reiter.

 

Das Pferd soll sich spurig und selbstständig zwischen den Zügeln und Schenkeln des Reiters auf der Geraden bewegen.
Um das zu üben, nutze die ganze Reitbahn und geh weg vom Hufschlag. Reite beispielsweise durch die Mitte von A nach C. Sobald Du bei A gewendet hast, achte besonders auf Deinen ausbalancierten Sitz. Nur wenn Du im Schwerpunkt sitzt, hat Dein Pferd auch die Möglichkeit sich geradezurichten. Dein Blick richtet sich schon weit nach vorne in Richtung Ziel, dem C. Auch hier sind Nuancen (Kinn hoch, Kopf gerade!) entscheidend, die das Pferd vom Kurs abbringen können. Lasse Deine Arme entspannt und das Pferd ohne weitere Einwirkung am langen Zügel in Richtung C gehen.
Viele Pferde werden nun bereits nach den ersten Schritten in irgend eine Richtung abdriften und vom Kurs abkommen. Die Gründe dafür können unter anderem sein, dass sich hier die natürliche Schiefe bemerkbar macht, oder das Pferd nicht gewöhnt ist auf die "leisen" Hilfen des Reiters hin - zwischen entspannten Zügelhänden und Schenkeln - spurig zu laufen.
Drängelt das Pferd beispielsweise nach rechts von der Geraden ab,  macht sich das Pferd an der rechten Schulter fester. Je nachdem, wie schief das Pferd ist, wird es sich vermehrt auf diese Schulter stützen wo es hin drängelt. Im schlimmsten Fall gleicht das einem Motorradfahrer in der Kurve.
Korrigiere indem Du möglichst scharf links wendest um das Gewicht von der rechten Schulter zu lösen. Achtung in der Wendung - so viel wie nötig, aber so wenig lenken wie möglich! Eine kurze, gezielte Korrektur da wo das Pferd sie braucht! Und dann sofort wieder das Pferd seinen "Job" (gerade laufen zwischen den Zügeln und Schenkeln) machen lassen.
Nun hast Du eine neue Bewegungsrichtung, suchst Dir wieder ein gerades Ziel und lässt das Pferd solange es Kurs hält selbstständig, ohne reiterliche Einwirkung zwischen Deinen entspannten Armen und Schenkeln laufen. Eingewirkt wird erst, wenn das Pferd abdriftet - und dann entgegengesetzt.
Zu Beginn der Übung kann es sein, dass Du erstmal wirklich kreuz und quer durch den Platz reitest. Die Pferde lernen aber sehr schnell, da sie das vermeintliche Nichts tun des Reiters als ihren Job motiviert, und nicht zu Letzt auch gymnastiziert im Sinne von ausbalanciert laufen lernen.
Im besten Fall läuft das Pferd selbstständig und gerade exakt auf der Linie von A nach C. Kurz vor der Bande wird es noch einmal spannend - möchte das Pferd in eine Richtung zum Hufschlag abwenden, liegt meist das Problem am Reiter, der unbewusst eine Gewichtsverlagerung macht  - sehr feinen Pferden reicht schon ein Blick in eine Richtung. Und diese Feinheit kann man mit dieser Übung sehr gut trainieren. Korrekt würde das Pferd 90° zum Hufschlag bei C zum Stehen kommen.
------------

 

Zu einem zielgerichteten und effektiven Pferdetraining gehört immer ein gewisses analytisches und systematisches Vorgehen neben dem theoretischen Wissen und dem Vermögen der praktischen Umsetzung.

Allgemein verfasste Pläne und Ratschläge können stets nur bedingt nützlich sein und bestenfalls Richtungen weisen.

Höre auf Dein und "in" Dein Pferd,  - kein anderer kann Dir einen besseren Trainingsplan schreiben als Dein Pferd selbst!

Je besser Du als Reiter gelernt hast, Dein Pferd nicht nur mit Deinen Augen, sondern auch mit Deinen Zügelhänden, Deinen Schenkeln, und ganz besonders mit Deinem Gesäß, das unmittelbar mit dem Rücken des Pferdes verbunden ist, zu "sehen", umso effektiver wird Dein Training sein.

 

Mobilität - Vitalität - Motivation

 

Copyright Text & Bild: Daniela Schinko, Hippovital.at

Trainingstage österreichweit und im benachbarten Ausland -Termine auf Anfrage.

 

Mail: info@hippovital.at

Tel: +43 (0) 664/ 503-26-33

 


Allgemeine Geschäftsbedingungen
AGB.pdf
Adobe Acrobat Dokument 304.6 KB
Logo 'PayPal empfohlen'