So

18

Jan

2015

Gedanken zum Knotenhalfter unter anatomischen Gesichtspunkten

 

Das Knotenhalfter - ein beliebtes Ausrüstung- und Ausbildungsstück.

 

Auf die Frage, warum es verwendet wird, bekomme ich vorzugsweise drei Antworten:

" Ich mache Horesmanship." (Anmerkung: gemeint ist hier die Ausbildungsmethode nach nht, Parelli, dergleichen)

" Ich mag es weil es so leicht ist"

" Mein Pferd lässt sich damit gut kontrollieren."

 

Das Knotenhalfter besteht zumeist aus einem 6mm dünnen, runden Seil. In der Regel hat es keine metallenen Schnallen zum Verschluss, wodurch es gewichtsmäßig in der Tat sehr leicht ist. Vielfach verleitet gerade diese Leichtigkeit auch, damit etwas besonders sanftes, mildes in Verbindung zu bringen.

 

Möchte man sich über die Wirkungsweise des Knotenhalfters kundig machen, so wird man von der "Horsemanship-Szene" erfahren, dass es ein "feines Kommunikationsmittel" ist und die Pferde prompt lernen auf Druck nachzugeben. Die Schlagworte "Respekt" und "Vertrauen" spielen in der Ausbildungsweise, die sich dem Knotenhalfter bedient, eine große Rolle.

 

Ich möchte, bevor ich die Wirkungsweise aus anatomischer Sichtweise betrachte auf die Anwendung durch den Pferdebesitzer/Trainer eingehen, wie ich sie Tag täglich zu Gesicht bekomme - sei es direkt und live bei der Arbeit, in diversen Pferdeforen und Internetgruppen oder Videoportalen wie zB auf YouTube.

Das (junge/unausgebildete/am Knotenhalfter ungeschulte) Pferd lernt dem Druck des Knotenhalfters nachzugeben, indem mit dem Bodenarbeitsseil impulsweise "geruckt" wird. Wie heftig der Ruck ausfällt, hängt von der Sensibilität und Bereitschaft des Pferdes ab nachzugeben. Reagiert das Pferd mit Gegendruck, so wird es durch den Druckaufbau rasch "unbequem" für das Pferd - so wurde mir das persönlich von einem Horsemanshiptrainer erklärt.  

Vielfach bekomme ich zu sehen, dass Pferde mittels aufeinander folgenden Rucken rückwärts geschickt werden. Dabei steht der Trainer meist frontal zum Pferd und ruckt in gewisser Abfolge am Bodenarbeitsseil, bis das Pferd entsprechend rückwärts ausgewichen ist.

Das im Horsemanship  Training fortgeschrittene Pferd weicht lediglich durch sanftes schwingen des Seiles. Vergessen darf man dabei nicht, dass auch dieses vermeintlich feine Pferd irgendwann einmal durch die Stufen der anfänglichen Druckausübung ging... 

 

 

Betrachten wir nun zur weiteren Orientierung die knöchernen Strukturen des Schädels

 

Sensible Bereiche bei jeder Zäumung sind die Nervenaustrittspforten im Genick, und Bereich des Nasenriemens. Beachte die scharfkantige Jochbeinleiste!
Sensible Bereiche bei jeder Zäumung sind die Nervenaustrittspforten im Genick, und Bereich des Nasenriemens. Beachte die scharfkantige Jochbeinleiste!

und die oberflächlichen Kopfnerven, Facialismuskeln, Arterien und Venen.

Darstellung aus dem "Atlas der Anatomie des Pferdes"  Budras/Röck
Darstellung aus dem "Atlas der Anatomie des Pferdes" Budras/Röck
schematische Darstellung N.trigeminus

 

 

 

Rechts im Bild die schematische Darstellung des Nervus trigeminus, dem fünften von insgesamt zwölf Hirnnerven.

 

Der N. trigeminus ist der größte Gesichtsnerv. Er versorgt unter Anderem die Gesichtshaut, die Maul- und Nasenschleimhaut, sowie die Zähne.

 

Seine Äste verlaufen im Bereichen, die für alle, mit Nasenriemen ausgestatteten Zäumungen von Bedeutung sind!

 

 

 

Bilder, wie sie täglich in diversen Pferdeforen und Internetgruppen zu sehen sind...

zu hohe Verschnallung des Knotenhalfters komprimiert die Nervenaustrittspforte
zu hohe Verschnallung des Knotenhalfters komprimiert die Nervenaustrittspforte
zu tiefe Verschnallung beeinträchtigt die Blähzone der Nüstern und übt schmerzhaften Druck auf das Ende des Nasenbeines aus
zu tiefe Verschnallung beeinträchtigt die Blähzone der Nüstern und übt schmerzhaften Druck auf das Ende des Nasenbeines aus

 Neben der zuvor dargestellten Problematik bei falscher Verschnallung, wie komprimieren der Nervenaustrittspforte oder Einschränkung der Blähzone, kommt es auch bei korrekter Verschnallung des Knotenhalfters mitunter zu schmerzhaften Einwirkungen besonders im sensiblen Genickbereich (Atlantooccipitalgelenk).

In der Ansicht von hinten-oben auf das Genick (Bild rechts) sind die Austrittspforten der Gehirnnerven deutlich erkennbar.

 

Am lebenden Pferd setzt das Nackenband (Ligamentum nuchae) an der Hinterhauptschuppe (Bild 2) an.

Im Genickbereich, auch unter dem Ansatz des Nackenbandes zwischen Hinterhauptschuppe und erstem Halswirbel befinden sich Schleimbeutel.


Nach diesem kleinen Ausflug in die anatomischen Gegebenheiten möchte ich zurückkehren zur Anwendung, wie ich sie täglich zu sehen bekomme.

 

Das am Knotenhalfter wenig geschulte Pferd wird mit den zuvor angesprochenen Rucken zum Nachgeben bewegt. Die Einwirkung läuft über die Longe primär zum Genick, und sekundär zum Nasenbein. Je nach Ausmaß dieser Rucke erfährt das Genick eine mehr oder weniger starke Quetschung durch die Seile des Knotenhalfters.

Es ist weitgehend bekannt, dass man ein Pferd niemals am Knotenhalfter unbeaufsichtigt anbinden darf. Weder am Putzplatz noch im Transporter! Jeder kann sich die Schmerzen vorstellen, wenn das Pferd hochschreckt und das Genick vom Druck des Halfters "gebremst" wird. Das Pferd empfindet den selben Schmerz, wenn die Rucke aus (zweifelhaften) erzieherischen Maßnahmen heraus gegeben werden...! Eine "Belohnung", wie das Nachgeben des Pferdes auf die Druckausübung dargestellt wird, ist aus meiner Sicht höchst zweifelhaft

Aus der Physik ist bekannt, Druck ist die Definition hinsichtlich der angewandten Kraft auf die jeweilige Fläche.

Somit erklärt sich, dass ein "Halfter" aus 6mm Seil ( =kleine Fläche) mehr Kraft überträgt, als vergleichsweise ein Stallhalfter mit breiter Auflagefläche. Das sollte auch erklären, warum sich teils heftige Pferde mit dem Knotenhalfter gut kontrollieren lassen.

Man muss sich der Krafteinwirkung bei der Verwendung des Knotenhalfters, und der Folgen auf die Strukturen des Schädels bewusst sein. Nicht selten kommt es durch die Quetschungen im Genick zu Schmerzen im Bereich der Nervenaustrittspforten und  Entzündungen der Schleimbeutel.

Achtung! Genickbeulen werden oft fälschlicherweise als "Nackenmuskulatur" interpretiert
Achtung! Genickbeulen werden oft fälschlicherweise als "Nackenmuskulatur" interpretiert

 

 

 

 

Eine Genickbeule (Bursitis nuchalis) ist eine schmerzhafte Schwellung der Schleimbeutel.

Ungepolsterte oder zu eng verschnallte Zäumungen,

Trauma und Stöße auf das Genick können beispielsweise Auslöser der Genickbeule sein.

Aber auch beim bereits am Knotenhalfter geschulten Pferd, wo diese massiven Rucke auf das Genick schon mehr oder weniger ausbleiben, betrachte ich die Wirkungsweise kritisch.

Der im unteren Kopfbereich angebrachte Knoten zur Verbindung mit dem Bodenarbeitsseil fördert, wenn das Pferd sich am Zirkel bewegt und eine Einwirkung erfährt, das Verwerfen im Genick mehr, als vergleichsweise gebisslose Zäumungen, die über den Nasenrücken führen, wie beispielsweise der Kappzaum oder das Cavecon.

Auch bei seitlicher Einwirkung wird sich das Pferd eher im Genick verwerfen als korrekt stellen.

Zu dem kommt das mitunter erhebliche Eigengewicht der Bodenarbeitsseile, welches bereits ohne zusätzlicher manueller Einwirkung die sensiblen Weichteile im Genick reizen kann.

Beim Reiten mit Knotenhalfter erfährt der Pferdeschädel bei Eiwirkung durch die Zügelhand immer mehrere Druckpunkte. Nimmt der Reiter beispielsweise den rechten Zügel an, geht der Druck primär vom Genick nach unten, die seitliche Einwirkung, welche gerade beim wenig ausgebildeten Pferd Hilfestellung bedeuten soll, fällt in dem Falle nur sehr ungenau, bis gar nicht aus da das Knotenhalfter in der Regel sehr locker "verschnallt" wird. Dies verleitet den Reiter vielfach zu häufigem Zupfen am Zügel um sich seinem Pferd verständlich zu machen.

 

Für mich bedeutet "Horsemanship", einen fairen Umgang mit meinem Partner Pferd unter Berücksichtigung seiner anatomischen Gegebenheiten zu haben.

Schmerz darf  weder im täglichen Umgang, noch in irgend einer Stufe der Ausbildung  eine Rolle spielen und somit lehne ich gewisse Ausrüstungsgegenstände, wie auch das Knotenhalfter, für meine Art mit dem Pferd umzugehen ab.

Zu einem fairen Umgang in der Ausbildung gehört für mich, klare und unmissverständliche Hilfen zu geben, die das Pferd auch tatsächlich als Hilfe und nicht als Strafe ansieht, sowie dem Pferd selbst "Vertrauen" und "Respekt" entgegenzubringen. 

 

Zu einem fairen Umgang mit dem "Geschöpf Pferd" gehört aus meiner Sicht auch immer eine gewisse Portion Demut vor dem anvertrauten Wesen!

 

Copyright Text & Bild:  Daniela Schinko, Hippovital.at

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