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09

Okt

2015

Die Losgelassenheit des Pferdes - 6 Gedankengänge von wahren Pferdemenschen


Losgelassenheit bedeutet zum einen eine geistige Zwanglosigkeit und zum anderen, als medizinischen Aspekt, die Bewegung aus einer lockeren, unverkrampften Muskulatur.

Demnach beschreibt die Losgelassenheit einen psychisch und physisch völlig spannungsfreien Zustand.

 


 

 

 

Ich betrachte die Losgelassenheit als Fundament, auf das erst nach Erlangen weiterführend aufgebaut werden kann.

Nicht umsonst steht die Losgelassenheit in der Skala der Ausbildung neben dem Takt an vorderster Stelle.

Unlängst bin ich mit einigen befreundeten Bloggern, und geschätzten Pferdemenschen am "virtuellen Tisch" zusammen gesessen, und habe das Thema Losgelassenheit in den Raum gestellt. Die persönlichen Gedanken zu diesem Thema von Christina von Herzenspferd, Petra von der Pferdeflüsterei, Line von Kultreiter, Miri von MeinFaible und Pfridolin Pferd darf ich dir nachstehend übermitteln.

 

 

Bild: Christina/Herzenspferd.de
Bild: Christina/Herzenspferd.de

Christina / Herzenspferd

 

Für mich bedeutet Losgelassenheit, dass das Pferd in einem Zustand der körperlichen und geistigen (aktiven) Entspannung ist – bei gleichzeitiger ruhiger Aufmerksamkeit und Aufnahmebereitschaft.

Das klingt sehr abstrakt, deshalb erkläre ich das immer gerne mit einem Beispiel:

ich gehe regelmäßig joggen. Die ersten 10 Minuten sind anstrengend, die Gedanken rasen noch von einem stressigen Tag, die Schultern sind verspannt und die Muskeln noch nicht richtig warm.

Nach einer Weile fällt die Anspannung ab, die Gedanken werden ruhig, klar und konzentriert, der Körper fühlt sich locker und leicht an. Es ist fast, als könne ich mich wie ein Perpetuum mobile unendlich so weiterbewegen. Selbst wenn der Weg anstrengend oder das Tempo höher wird fühlt sich die Bewegung gut und flüssig an. Genau das möchte ich für mein Pferd erreichen.

Ob es sich für das Pferd genauso anfühlt kann ich nicht wissen, aber ich denke die Losgelassenheit drückt sich ähnlich aus.

Und man kann die Analogie sogar noch weiterspinnen: ein Laufanfänger sollte anfangs nicht zu lange auf einmal joggen und erst langsam Muskulatur und Ausdauer aufbauen. Genauso sollte er sich vorher untersuchen lassen und sicherstellen, dass sein Körper gerade und belastbar ist und nicht etwa seine Hüfte schief steht.

Auf das Pferd übertragen würde das bedeuten, dass eine gewisse Fitness und auch die Geraderichtung vonnöten ist, um Losgelassenheit überhaupt erreichen zu können.


Bild: Petra/Pferdeflüsterei
Bild: Petra/Pferdeflüsterei

Petra / Pferdeflüsterei  - Vom Loslassen und der Gelassenheit

 

Du willst ein losgelassenes Pferd, das mit schwingendem Rücken und mit nach vorne gedehntem Hals mit natürlichen und taktreinen Bewegungen dahinschwebt? Am Besten mit dir auf seinem Rücken?

Ein wunderschöner Gedanke! Ein erstrebenswertes Bild! Ein traumhaftes Gefühl!

Aber darf ich dir eine Frage stellen? Bist du auch losgelassen? Bist du entspannt?

Losgelassenheit, darin stecken für mich nämlich zwei wunderschöne Wörter:

„Loslassen“ und „Gelassenheit“

Kannst du loslassen und hast du die innere Gelassenheit? Denn zu einem Pferd mit Reiter gehören zwei.

Du und dein Pferd. Es reicht nicht, so lange mit deinem Pferd zu trainieren, bis es gymnastiziert ist, bis es die

Muskeln besitzt um dich zu tragen und bis es weiß, dass es seine Hinterhand nutzen soll oder seine Bauchmuskeln. Es reicht nicht, wenn dein Pferd natürliche taktreine Bewegungen hat. Du musst auch im reinen mit dir und deinem Körper sein. Dein Sitz muss stimmen, klar. Aber vor allem deine innere Haltung. Davon bin ich tief überzeugt. Pferde sind unglaublich sensibel. Sie spüren die kleinste Fliege auf ihrer Haut. Jetzt kommst du. Du bist etwas schwerer und größer als eine

Fliege. Dein Pferd spürt dich. Es spürt deinen Körper, dein Gewicht. Aber es spürt auch deine innere Haltung, deinen Seelenzustand, deine Losgelassenheit.

Sie überträgt sich. Du musst loslassen und du musst lernen gelassen zu sein, damit dein Pferd dich gelassen tragen kann und loslassen kann.

Es ist ein Kreislauf. Alles mit Pferden. Auch die Losgelassenheit. Und du bist ein Teil davon.

 

Bild:  Kultreiter / www.depositphotos.com - vanell
Bild: Kultreiter / www.depositphotos.com - vanell

Line / Kultreiter

 

Für mich bedeutet Losgelassenheit zu aller erst, dass der Reiter lernt loszulassen.

Viel zu oft sehe ich Reiter, die verkrampft auf ihren Pferden sitzen, aber gleichzeitig verlangen, dass das Pferd locker, schwungvoll und im Takt läuft.

Doch wie soll das funktionieren, wenn der Reiter selbst wie ein steifes Brett auf dem Pferd sitzt?

Um ein Pferd entspannt und vor allem fein und richtig zu reiten, muss ein Reiter zunächst seine Ziele loslassen. Auch wenn es prinzipiell gut ist, mit Zielen zu arbeiten, beobachte ich doch immer wieder Reiter, die zu verbissen sind, ihren Zielen hinterherjagen und nicht auf die Bedürfnisse ihrer Pferde, oder gar auf ihre Eigenen eingehen. Oftmals werden Ziele so nicht erreicht, was zu Frust und Unmut führt, und letztendlich der Beziehung zwischen Mensch und Pferd schadet. Zudem muss ein Reiter lernen, seine Angst loszulassen.

Viele Reiter können sich beim Reiten nicht entspannen, eben weil sie Angst haben. Angst davor, dass das Pferd durchgeht, Angst runter zufallen und sich zu verletzen.

So verkrampfen Reiter, spannen ihre Muskeln an und übertragen diese Anspannung auch auf ihr Pferd. Das Pferd wiederum verkrampft ebenfalls und bekommt in den meisten Fällen selbst Angst - ein gefährlicher Teufelskreislaufs.

Der Schlüssel bei beiden Punkten ist Vertrauen. Vertrauen in sich selbst, in seine eigenen Fähigkeiten und Vertrauen in das Pferd. Nur wer sich und seinem Pferd vertraut,

kann loslassen und auch für Losgelassenheit beim Pferd sorgen. Gleiches gilt auch für die Arbeit am Boden, für Ritte ins Gelände und jeglichen Umgang mit Pferden.

Das Resultat ist letztendlich immer dasselbe: ein Bild von geradezu wundersamer Harmonie zwischen Mensch und Pferd. Ein losgelassenenes Pferd ist weich, lässt sich stellen und biegen, und reagiert fein auf fast unsichtbare Hilfen.

Und genau wie ein losgelassenes Pferd, strahlt ein losgelassener Reiter vollkommene Ruhe aus.

 

 

Bild: Miri/MeinFaible
Bild: Miri/MeinFaible

Miri / MeinFaible  - Losgelassenheit beginnt im Kopf des Reiters.

 

Losgelassenheit. Wie definiert man diesen wichtigen Punkt der Ausbildungsskala?

Meinem persönlichen Empfinden nach bietet dieses Wort sehr viel Interpretationsspielraum.

So unterschiedlich wir Menschen sind, so unterschiedlich empfinden wir wohl das "Loslassen", auch und vor

allem während wir arbeiten und unsere Muskeln im Wechselspiel anspannen und wieder entspannen.

Die Losgelassenheit ist für mich im Laufe der Jahre der vielleicht wichtigste Grundstein meines Trainings geworden. Zum Loslassen gehört für mich zuerst meinen eigenen Kopf frei zu machen und zu versuchen ganz im Hier und Jetzt zu sein. Die eigenen Sorgen loslassen können, Entspannung finden.

Losgelassenheit suche ich also zuerst in meinem eigenen Kopf und in meinem Körper.

Erst dann beginne ich die Losgelassenheit auf mein Pferd zu übertragen. Wenn ich merke, dass meine

Stute angespannt und verkrampft ist, versuche ich mit ihr an der Entspannung zu arbeiten.

Auch Pferde müssen erst lernen neben uns "loszulassen".

Sind Reiter und Pferd entspannt, dann ist das für mich allerdings noch keine Garantie für losgelassenes Reiten. Immer wieder überprüfe ich also unsere Losgelassenheit,

indem ich zwischen Entspannung und Anspannung wechsle und ganz bewusst Pausen zwischen den anstrengenden Lektionen einbaue. Anschließend können wir zusammen leichter und losgelassener wieder unseren Takt in der Bewegung finden.

Ein losgelassenes Pferd hetzt nicht und nutzt seine Muskeln ohne sich dabei zu verspannen. Das Reiten sieht ganz leicht und locker aus, so als ob es für beiden gar nicht anstrengend wäre. Auch als Reiter muss ich die Losgelassenheit finden anstatt mit den Gedanken und verspannten Muskeln das Zusammenspiel mit dem Pferd blockieren. Ein gelöstes und damit losgelassenes Pferde-Reiter-Gespann ist fleißig bei der Sache, aufmerksam füreinander und hat Freude an der Bewegung.

Manchmal braucht es auch eine Auszeit, die dafür sorgt, dass die Losgelassenheit wiedergefunden oder erhalten wird.

Für mein Pferd und mich gehört deshalb zur Losgelassenheit auch eine Runde in den Wald zu reiten und die Seele baumeln zu lassen. Tagein tagaus Dressurlektionen pauken - das schlaucht Körper und Geist. Eine kleiner Urlaub vom Alltag bringt neue Motivation und nicht selten hat uns ein flotter Galopp im Gelände weiter gebracht, eben weil wir die Arbeit "loslassen" konnten. Anschließend klappt es auch mit der Losgelassenheit im Viereck wieder besser.

Mein Pferd und ich sind ständig auf der Suche nach dieser Leichtigkeit. Sie steht nicht nur auf der Skala der Ausbildung des Pferdes an zweiter Stelle, sondern sollte auch für den Reiter eine Grundvoraussetzung für eine harmonische Zusammenarbeit mit dem Pferd sein, die es jeden Tag aufs Neue zu entdecken gilt.


Eine "pferdige" Interpretation...


Bild: Pfridolin Pferd.com
Bild: Pfridolin Pferd.com

Pfridolin Pferd - Losgelassenheit: Zwischen Krampf und Koma


Losgelassenheit ist eine Mischung aus „Los geht’s“ und Gelassenheit. Also theoretisch.

Und natürlich kann das Pferd nur so losgelassen sein wie der Reiter. Oder in meinem Fall die Reiterin, auch „die Frau“ genannt. Die Frau, die je generell nur zwei Zustände kennt, nämlich Schockstarre mit maximaler Anspannung und komatöses im-Sattel-rumhängen, verwechselt Losgelassenheit häufig mit letzterem.

Wenn F rau Reitlehrerin sie darauf anspricht, beißt sie die Zähne zusammen (ich auch), hört auf zu atmen (ich auch) und verfällt nahtlos ins andere Extrem.

Frau Reitlehrerin versucht gerade, ihr beizubringen, dass es noch einen Mittelweg gibt.

Sie sagt, man könnte Losgelassenheit auch Zwanglosigkeit nennen. Und Leistungsbereitschaft, sowohl

innerlich wie äußerlich. Nicht luschi-wuschi-im-Sattel-rumhängen, sondern positive Anspannung, an der sich das Pferd (ich ) orientiert.

Wobei die Frau ja schon wieder ihren wilden Blick kriegt, wenn sie nur das Wort Anspannung hört.

Weshalb Frau Reitlehrerin jetzt nur noch von positiver Energie spricht.

Ich glaube, Frau Reitlehrerin ist sehr klug.

 

 

Zusammengefasst sind wir uns einig - die psychische und physische Losgelassenheit gehen einher, und sind entscheidend für eine funktionelle Leistung des Muskulatur des Pferdes, aber auch des Reiters.

 



Ist das Pferd in seiner Psyche gestresst, wird sich das auf den Muskeltonus auswirken und die Muskulatur

ist in diesem "vorgespannten" Zustand nicht mehr in der Lage seine volle Kraft auszuschöpfen und komplett funktionstüchtig zu sein.

 

 

Die Losgelassenheit ist Voraussetzung für:

  • die Beherrschung der Muskulatur
  • die Koordination
  • die freie Atmung
  • die individuelle Leistungsspitze
  • die Schonung vor Selbstverschleiß

 

 


Wie du als Pferdebesitzer zu mehr Losgelassenheit beitragen kannst, wie sich mangelnde Losgelassenheit auswirkt, und die Bedeutung der Losgelassenheit während der Ausbildung habe ich in einem 15-seitigen Ebook zum kostenlosen Download zusammengefasst.

Die Losgelassenheit des Pferdes

Trainingstage österreichweit und im benachbarten Ausland -Termine auf Anfrage.

 

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Tel: +43 (0) 664/ 503-26-33

 


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